Von Reinhardt Stumm

Narkissos, der schöne Sohn des Flußgottes – Kephisos, verliebte sich in sein Bild, das er in einer Quelle erblickte. Er verschmachtete in sehnsüchtiger Anschauung. er starb, erblühte die erste Narzisse. Die Griechen nannten sie Todesblume und weihten sie Hades, dem Herrscher der Unterwelt.

Ins lyrisch-romantische Bild verkleidete der Volksmund Bedrohliches. Freud formulierte es später wissenschaftlich. Er erkannte, daß die Libido – jene Kraft, die den Menschen befähigt, Menschen und Dinge (die Psychologen nennen beides lieblos „Objekte“) mit Gefühlswerten zu besetzen – sich ins Innere des Ich zurückziehen kann, wenn sie gestört ist. Das Krankheitsbild bekam den Namen „Narzißmus“. Und bis auf den heutigen Tag wird Narzißmus in der Regel so verstanden: „Psychoanalytischer Begriff zur Bezeichnung der erotischen Hinwendung zum eigenen Körper als ‚Sexualobjekt‘ definiert etwa noch der Fremdwörter-Duden, Auflage 1960.

Die Definition ist nicht mehr haltbar. Heute weiß man, daß Narzißmus, Selbstliebe, zum gesunden Menschen gehört, und daß nur Störungen zu Erscheinungen führen können, wie Freud sie beschrieb – und längst nicht nur zu sogearteten.

Der „Rückzug ins Ich“ ist nur eine Erscheinungsform, andere sind genau entgegengesetzt: Das Selbst wirft sich mit aller – verzweifelten – Kraft auf andere, erstrebt die totale Bindung mit einem Menschen, idealisiert ihn, versucht, von der zugemessenen Größe Bedeutung auf sich selbst zurückzuleiten. In der schrecklichen Sprache der Psychologie: Idealisierung eines Selbstobjekts, Fusion und Spiegelübertragung. Nur der gesunde Narziß kann sich selbst genug sein, gerät nicht in die Isolation, der der griechische Jüngling erlag, und nicht in die gefährlichen Abhängigkeiten, denen nicht nur der Einzelmensch, sondern ganze Gruppen oder gar Völker erliegen können. Massenwahn – Erscheinungen wie Hitler und das Dritte Reich – können in solch kollektiven Neurosen ihre Ursachen haben.

So frappierende Einsichten finden sich in einem Buch, das mit einem Motto aus der Bibel – die wieder einmal recht hat – eingeleitet wird. Im dritten Buch Moses findet sich die Forderung: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Nur, wer sich selbst im richtigen Maße annehmen und lieben kann, ist zum Aufbau tiefer und richtig balancierter Beziehungen zu anderen fähig. Der Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel resümiert seine Erfahrungen aus Einzelanalyse und Gruppenarbeit und erweitert sie zu einem Panorama, das für die Gesellschaft im ganzen von Bedeutung ist und einige Sprengkraft besitzt –

Raymond Battegay: „Narzißmus und Objektbeziehungen – Über das Selbst zum Objekt“; Verlag Hans Huber, Bern, 1977; 166 S., 19,– DM.