Ehe man einen solchen Tag einführt, müßte man sich fragen, was ein nationaler Feiertag in der Bundesrepublik bezwecken soll: Ob er ein gewisses nationales Einheitsgefühl – unter gedanklicher Einbeziehung Ostdeutschlands – hervorrufen soll oder sich nur auf die Geschichte oder Entstehung der Bundesrepublik beschränken soll. Da ich der ersten Alternative den Vorzug gebe, erscheint mir ein „Tag des Grundgesetzes“ nicht sehr sinnvoll. Ohne Zweifel kann man sagen, daß das Grundgesetz eine unerläßliche, solide und entwicklungsfähige Basis für den jungen Staat darstellte und somit ein Grund zum Feiern ist, doch damit würde nicht angesprochen die nationale Einheit oder gar der Wunsch nach Wiedervereinigung. Man kann – auch wenn die Trennung eine tausendfach belegte und zementierte Tatsache ist – nicht all die deutsche Zeit vor 1949 beiseite werfen; denn gerade diese Zeit verbindet ja heute nur noch die meisten von uns mit den „anderen“ Deutschen.

Beate Kratsch, 15 Jahre

Ein Staatsfeiertag für die Bundesrepublik müßte zwei Aspekten Rechnung tragen: Einerseits soll er demokratisches System und freiheitliche Gesellschaft als Werte herausstellen, andererseits daran erinnern, daß Deutschland noch immer in seiner Mitte durch eine furchtbare Grenze zerrissen wird. Es ist natürlich, daß der freiheitliche Teil Deutschlands seiner Freiheitsbewegung gegen das Gewaltregime im anderen Teil gedenkt – wie dies am 17. Juni geschieht –, es ist jedoch problematisch, das Gedenken an diesen gescheiterten Aufstand gegen Unrecht quasi zu einem Ersatz-Staatsfeiertag zu machen. Ich halte einen Tag des Grundgesetzes als staatlichen Gedenktag für sinnvoll. Ein solcher Tag verquickt Vergangenheit und Gegenwart zu einer gelungenen Synthese, weil er zum einen daran erinnert, daß das deutsche Volk an jenem 23. Mai 1949 eine demokratische Ordnung wiedererlangte, und weil zum zweiten mit Bezug auf die Präambel des Grundgesetzes dazu aufgefordert werden kann, „in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden“, wobei die gegenwärtige Teilung Deutschlands als von außen aufgezwungener Zustand erscheint. Jedoch genügt es nicht, Beflaggung der öffentlichen Gebäude anzuordnen und den 23. Mai zum arbeitsfreien Tag zu erklären, sondern dann muß man auch die Bevölkerung mehr über das Schriftstück informieren, welches die Verfassung der Bundesrepublik darstellt. Dann muß man sich in den Schulen mit dem Text des Grundgesetzes befassen, dann muß man einmal einen Tag der offenen Tür im Bundestag, den Ministerien und höheren Behörden durchführen, dann müssen Politiker mit der Öffentlichkeit über die Bedeutung des Grundgesetzes sprechen, denn nur so könnte ein solcher Tag auch mit Inhalt gefüllt werden.

Ludwig Leyendecker, 19 Jahre

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Die Existenz zweier deutscher Staaten ist eine Tatsache, und der Status quo wird sich über das Jahr 2000 hinweg nicht ändern. Eine „Wiedervereinigung“’ kann angesichts der völligen Integration beider Staaten in die jeweiligen Machtblöcke nur ein utopisches Fernziel sein, vielleicht auch dies noch nicht einmal. Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Provisorium mehr, sondern ein fest etablierter und international anerkannter Staat. Das Fundament dieses Staates ist weder die deutsche „Teilung“ noch der Arbeiteraufstand in der DDR, sondern das Grundgesetz, so wie das Fundament der französischen Republik die Ideen der Revolution sind. Und wie Frankreich den 14. Juli feiert, sollten auch wir den 23. Mai als Staatsfeiertag begehen. Das Nachdenken über Freiheit und soziale Gerechtigkeit, wozu der 23. Mai wieder Anlaß geben sollte, ist für die Bürger dieses Staates wichtiger als die Sonntagsreden verhinderter Nationalisten.

André Verhülsdonk, 17 Jahre