/ Von Amery B. Lovins

Zum ZEIT-Dokument „Es geht auch ohne Atom“ (Nr. 22/1978) ergreift noch einmal der Autor das Wort.

In meinem Artikel sind leider bei der deutschen Übersetzung einige mir wichtige Aussagen sinnentstellend wiedergegeben worden. Nicht nur sind kritische Ausführungen an einigen Stellen abgeschwächt und ganze Sätze, einschließlich einer Tabelle und eines Literaturhinweises, in denen meine Behauptungen belegt werden, fortgelassen worden; auch würden zum Verständnis meiner Argumentation wesentliche Begriffe irreführend übersetzt, so zum Beispiel delivered energy needs als „Energieangebot“.

Die ZEIT hat sich freundlicherweise bereiterklärt, den ganzen Artikel, einschließlich Tabelle und Quellenhinweise, als Sonderdruck in einer autorisierten Übersetzung neu herauszugeben. Ich möchte diese Gelegenheit dazu benutzen, noch einmal in aller Kürze zu sagen, worauf es mir hauptsächlich ankam,

In der Bundesrepublik – und anderwärts – wird gewöhnlich das Energieproblem auf die Frage reduziert, wie man das Angebot an Primärenergie kontinuierlich erhöhen könne, um eine wachsende Nachfrage auf Dauer zu befriedigen. Es wird allgemein angenommen, daß die Erfüllung gesellschaftlicher Zielsetzungen ein rasches Wirtschaftswachstum erfordere, das seinerseits ein ähnlich rasches Wachstum in der Primärenergieversorgung voraussetze. Da nun flüssige Brennstoffe wie Öl und Gas immer knapper und teurer werden, weicht man zunehmend auf feste Brennstoffe wie Kohle und Kernkraft aus, für die es heute noch einen größeren Vorrat gibt. Dies wiederum führt zu steigender Elektrifizierung und damit zu immer mehr und größeren Kraftwerken. So gesehen ist diese Entwicklung logisch und konsequent – ein Grund dafür, daß sie in den verschiedenartigsten Ländern anzutreffen ist.

Inzwischen gibt es aber eine neue Betrachtungsweise des Energieproblems, die genauso logisch und konsequent ist, jedoch zu ganz anderen Ergebnissen führt. In meinem Artikel habe ich am Beispiel der Bundesrepublik unter anderem versucht, die Leser der ZEIT mit diesen neuen Konzepten bekanntzumachen. Meine These lautete: Wenn das Energieproblem der Bundesrepublik von Grund auf neu überdacht wird, läßt sich erkennen, daß es einen zweiten Weg der Lösung des Energieproblems heute schon gibt, der aus vielerlei Gründen dem bisher gewählten vorzuziehen ist. Diese Behauptung kann sich auf ein umfangreiches empirisches Material stützen, das ich zitiert habe und das nachprüfbar ist.

Warum verkennt – und verschlimmert möglicherweise – das gegenwärtige elektro-nukleare Programm der deutschen Regierung und Wirtschaft das Energieproblem des Landes? Um diese Frage beantworten zu können, muß man zunächst zwischen Nachfrage und Bedarf unterscheiden und muß dann den Endbedarf an Energie in seiner thermodynamischen Struktur näher untersuchen. Im Grunde gibt es ja einen Bedarf nur nach Wärme oder nach Fortbewegung oder nach Elektrizität, aber nicht nach „Energie an sich“; und jedes dieser Bedürfnisse kann energetisch auf die verschiedenste Weise befriedigt werden. Das eigentliche Energieproblem besteht nun darin, den jeweiligen Verwendungszweck mit einem Minimum an Energie jener Form zu erfüllen, die dafür am zweckmäßigsten ist.