„Hundert Sendungen sind genug“

Von Rolf Henkel

München

Der Hilferuf geht an die Nieren. „Ich bekomme keinen Job, vielleicht haben Sie ein Wunder parat“, fleht ein Junge aus Norddeutschland den Mann an, dessen massige Figur und gütiger Blick seit fast zwei Jahrzehnten zum Inbegriff einer Notrufzentrale für Hilfsbedürftige geworden sind. Doch Pfarrer Adolf Sommerauer, der sich in dieser Woche nach 100 Sendungen vom ratsuchenden Fernsehvolk verabschiedete, ist für Wunder nicht zuständig. Die Sorgen der Mitbürger, die da mit der seit 1963 laufenden ZDF-Reihe auf ihn niederprasselten, reichen ihm schon. „Was bei den Menschen hinter den Kulissen los ist, das weiß ich besser als ungezählte Meinungsumfragen, denn mir schreiben die Leute ihre kleinen Dinge, den Schmarrn, der sie bewegt.“

Wie kam es, daß der Pfarrer aus dem Münchener Stadtteil Waltrudering für viele Verzweifelte zum letzten Rettungsanker wurde? Der massige Pastor, den die meisten für den Prototyp eines christlichen Ratgebers halten und von dem nur die wenigsten wissen, daß er evangelisch ist, kann sich das „Phänomen Sommerauer“ selbst nicht ganz erklären. Es mag wohl daran liegen, daß er die Sprache des Volkes spricht, meint er und weist etwas kokett darauf hin, Luthers Aufruf an die Pfarrer, dem Volk aufs Maul zu schauen, habe für ihn nicht gegolten. „Ich gehör’ nämlich zum Volk“, sagt der vor 68 Jahren geborene Sohn eines Münchener Arbeiters. Und im Fernsehen sei er wohl deshalb so gut angekommen, weil die einfachen Leute vom Bildschirm gern „mit billiger Unterhaltung abgespeist werden“. Oder mit hochgeistigen Diskussionen über soziologische Zusammenhänge, die Sommerauer derb „eine Mehlspeise zum Umhängen“ nennt.

Nie mit dem Zeigefinger

„Es ist eine Wohltat, daß Sie nie Bibelsprüche gebrauchen“, las der Pfarrer mit Freude in einem Brief, denn er brachte häufig Bibelsprüche. Nur trug er sie nie pastoral vor, nie mit erhobenem Zeigefinger. „Ich kann die Kirchensprache nicht spreche„“, sagt er und beteuert, sein bayerischer Dialekt sei keinesfalls ein Stilmittel für Volkstümlichkeit. „Ich tat gern hochdeutsch reden, aber ich kann es nicht“, versichert Sommerauer, dessen Rezept all die 100 Sendungen lang lautete: „Wenn man vom Glauben in normaler Sprache redete dann glauben die Leute, das ist nichts Frommes.“