Wie kann man beweisen, daß ein Gesetz absurd ist? Ganz einfach: Indem man es dem Buchstaben gemäß anwendet. Vielleicht wurde der römische Staatsanwalt Nino Fico vom Reformeifer getrieben, als er die Elite der italienischen Theater-, Oper- und Konzertdirektoren insGefängnis schickte. Vielleicht war es auch nur bürokratischer Übereifer. Aber der Effekt, der große Auftritt, war dem Gesetz Nummer 800 mit dieser Nacht-und-Nebel-Aktion sicher.

Tatsächlich hatte das italienische Parlament 1967 eine Gesetzesvorlage verabschiedet, die „jedwede Vermittlung von Künstlern, selbst wenn sie kostenlos ist“, für die italienische Opern- und Konzertwelt verbot. Dafür sollte ähnlich wie in den Ostblockländern ein „staatliches Inskriptionsbüro“ mit Monopolcharakter gegründet werden. Wie es bei solchen Anordnungen in Italien öfters, zu gehen pflegt, wurde das Staatsbüro nicht gegründet. Natürlich wurde weiter vermittelt. Wie sollte auch ein italienischer Konzertdirektor Herrn Karajan oder Herrn Bernstein anrufen können, ob er nicht gelegentlich Zeit habe, die Neunte von Beethoven zu dirigieren, und was er so dafür verlange.

Allerdings, vor dem Gesetz existierten in Italien nur zehn Agenturen und davon hatten acht ein einwandfreies Geschäftsgebaren. Nun sind es 70 Vermittler, und in der Illegalität geschah manches, was am offenen Markt nicht möglich gewesen wäre. Vor allem wurde das Parteibuch für Sänger und Dirigenten weit wichtiger als das Gold in der Kehle oder die Dynamik im Taktstock. Rote Theater sorgten für die Genossen im Frack, schwarze paßten auf, daß die öffentlich subventionierte Kultur ihren Leuten Verdienst gab. Zehn Jahre lang drückten alle Beteiligten beide Augen zu. Man arrangierte sich.

Bis Staatsanwalt Nino Fico im Gesetz zu blättern anfing, Telephongespräche zwischen Künstlern, Agenturen und Operndirektoren abhören ließ und schließlich seine Bütteln in die ersten Häuser am Platze schickte: Von der Oper in Palermo bis zur „Fenice“ in Venedig wurde nach dem Motto „Komm in die Gondel“ niemand verschont. Anklagepunkte: Fingierte Überbezahlung ausländischer Künstler und damit Devisenschiebung, Verdacht der Erpressung, des Betrugs und der Korruption. Aber so weltfremd wird der italienische Justizapparat wieder nicht sein, daß er in der devisenreichen Sommersaison von der Arena in Verona bis zur Mailänder Skala den Vorhang unten läßt. Schon sind die ersten maestri provisorisch wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Und vielleicht erhält Italien doch noch ein Gesetz, das internationale Marktgepflogenheiten respektiert.

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Auf freiem Fuß befindet sich auch der Ex-Präsident von Alfa Romeo, Gaetano Cortesi. Er wurde samt mehreren Managern seines Personalbüros zu vierzig Tagen Gefängnis mit Bewährung verurteilt (und trat daraufhin zurück), weil das staatliche Autowerk einige Facharbeiter nicht auf dem gesetzlich vorgeschriebenen Weg über das Arbeitsamt eingestellt hatte. Unter den amtlich geschickten Bewerbern hatte nämlich das Alfa-Personalbüro trotz umständlichen und langen Suchens einige notwendige Fachkräfte nicht finden können.

Außerdem wurden die Alfa-Manager aber auch deshalb verurteilt, weil sie sich durch diskrete Prüfung bei der Einstellung gegen linksextreme Infiltrierung schützen wollten. Einer der angeklagten Manager wurde auf einer Trage in den Gerichtssaal getragen: Die roten Brigaden hatten ihn schon vor dem Prozeß durch Pistolenschüsse ins Bein „verurteilt“ ...