Senatoren, die nicht aus Politik und Verwaltung, sondern aus der Wissenschaft kamen, hatte Berlin schon mehrere. Sie waren meist brillant und farbig, aber auch eigenwillig und unbequem. Leute wie der frühere Wirtschaftssenator Karl Schiller und der Wissenschaftssenator Werner Stein hießen deshalb bald „Paradiesvögel“. Der jetzt zurückgetretene Justizsenator Jürgen Baumann gehörte auch zu dieser Spezies.

Gestolpert ist er nicht über die gewaltsame Befreiung von Till Meyer. Bürgermeister Stobbe hatte ihn mit der Begründung gehalten, es könne keinen automatischen Zusammenhang zwischen terroristischen Aktionen und dem Rücktritt von Regierungsmitgliedern geben. Was Baumann letztlich scheitern ließ, war sein Überschuß an Selbstbewußtsein und ein gerüttelt Maß Unbelehrbarkeit.

Es hat nicht überrascht, daß der Sicherheitsreferent des Justizsenats im Untersuchungsausschuß ausgesagt hat, die meisten seiner Vorschläge seien von Baumann zerpflückt worden. Auch andere Mitarbeiter des Senators haben oft beklagt, daß Baumann Argumenten wenig zugänglich sei, daß er alles besser wisse. Das wäre noch angegangen, wenn er sich dann auch um alles gekümmert hätte. Aber im Untersuchungsausschuß kam heraus, daß Baumann im Dezember zum letztenmal in der Haftanstalt Moabit gewesen war: nicht, um sich von den Sicherungsmaßnahmen für terroristische Häftlinge zu überzeugen, sondern um Weihnachten zu feiern. In dieses Bild paßt auch, daß Baumann die Anwaltsausweise, mit denen sich die Befreierinnen Einlaß verschafft hatten, noch nach der Tat als „eigentlich fälschungssicher erklärte. Dabei hat er seit Monaten wissen müssen, wie leicht sie zu fälschen waren.

Alle diese Berliner Paradiesvögel haben sich mit der Menschenführung besonders schwergetan. Überzeugt von ihren Qualitäten, gingen sie mit Untergebenen alles andere als zimperlich um. Das schafft Verdruß und Resignation, das gebiert Pannen. Ein guter Wissenschaftler ist noch lange kein guter Senator. J. N.