Die Kirschen sind reif im Alten Land, dem größten geschlossenen Obstanbaugebiet der Bundesrepublik. Und nun kommen sie in Scharen: die Hamburger, die sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die süße Frucht frisch aus dem Korb zu kaufen – und die Stare, die eine Etage höher frisch vom Baum ernten. Die Obstbauern im Alten Land bei Hamburg stecken also in der Klemme. Den einen, den Menschen, möchten sie haben; den anderen, den Vogel, möchten sie verscheuchen. Und dies tun sie mit Böllerschüssen.

Die Obstbauern haben also gegen Amsel, Drossel, Fink und Star den zivilisatorischen Krach erfunden, um der Natur ins Handwerk zu pfuschen. So böllern schon frühmorgens die Schüsse, mit denen die gefiederten Nascher abgeschreckt werden sollen: da heulen Okinawa-Töne mit Maschinengewehr-Geknatter durch die idyllischen Obstgärten; da möchte sich der Großstadtmensch in einen Schützengraben verkriechen, während die Obstbauern fürchten, daß die gefiederten Biester sich längst an den Lärm gewöhnt haben.

Wie auch immer, es geht um die Existenz der Menschen, die vom Verkauf der Kirschen leben. Ein vorzeitig geplünderter Baum bringt nichts mehr ein. Die Böllerschüsse („Über unsere guten alten Vogelscheuchen lachen die Biester doch nur noch“) sind also Notwehr.

Und just damit können sich die Großstädter, die sich als Neusiedler in der idyllischen Landschaft des Alten Landes niedergelassen haben, um-Ruhe zu finden, natürlich nicht abfinden. Sie fühlen sich verböllert. „Jeden Morgen um halb sechs“, klagte eine Altenländer Neubürgerin, „sitze ich vor Schreck kerzengerade im Bett.“

Tatsächlich gibt es einen Paragraphen der niedersächsischen Lärmschutzordnung, wonach Böllerschüsse erst ab sieben Uhr morgens gestattet sind. Und darauf nun stützt sich die Forderung einer Bürgerinitiative, die hinter den grünen Deichen im Kreis Stade – „mindestens bis 7 Uhr“ – für die morgendliche Ruhe der Anwohner sorgen möchte.

Das Problem der Neusiedler im Alten Land ist das Problem all derer, die vorher nicht genau genug hingehört haben, als sie sich das Häuschen im Grünen leisteten, um dem Großstadtlärm zu entfliehen.

Die Weinbauern zum Beispiel kennen da genausowenig Pardon, wie die Obstbauern im Alten Land. Einer der schönsten Wanderwege in deutschen Landen, der von Meersburg nach Hagnau am Bodensee, ist im Herbst zur Traubenreife eigentlich nur mit Ohrenschutz zu genießen. Da haben sich die Weinbauern etwas einfallen lassen, um den immer cleverer werdenden gefiederten Naschern den Schnabel zu stopfen. Da werden elektronisch gesteuerte Gruselgeräusche gen Himmel geschickt; da knallt in Abständen von sechzig Sekunden ein Hau-den-Lukas-Effekt durch die Weinberge, da spricht einer auf Band einen lauten, sinnlosen Text. Und dies alles nur, um die Trauben zu schützen. Nur?