Von Gerhard Prause

Pompeji

Wer heute durch das antike Pompeji geht, nahezu 250 Jahre nach den ersten Ausgrabungen, findet genügend Anhaltspunkte, um sich ausmalen zu können, wie die acht- bis zehntausend Pompejaner hier einst gelebt haben. Zwar stehen von den meisten Häusern dieser kleinen kampanischen Landstadt, die etwa 1200 Meter lang und 700 Meter breit war, allenfalls noch die Mauern und ein Teil der Säulen, aber schon die Straßen, in deren schwere Pflastersteine sich die Spuren der Wagenräder eingeschliffen haben, zeugen von jenem Leben, das durch den Vesuv-Ausbruch vom 24. August 79 so jäh beendet wurde.

Leicht erkennbar sind die Tavernen mit den vielen Weinamphoren, die den berühmten „Vesuvio“ enthielten, Wein von den Hängen des Vesuvs. Ebenso die zahlreichen Garküchen, wo Archäologen in den großen Gefäßen Reste der dort angebotenen Speisen identifizierten. Und die Backstuben mit ihren Öfen – in einem fand man achtzehn zu Stein gewordene Brote – und ihren Getreidemühlen, von denen manche noch jetzt funktionieren. Dann die Brunnen an den Straßenkreuzungen, wo die Passanten Wasser schöpfen konnten, und die hier und da noch sichtbaren Wasserleitungen aus Blei, durch die das Wasser in die Häuser und die Gärten kam. Glücklicherweise war es so kalkhaltig, daß sich in den Rohren rasch ein dicker Kalkmantel bildete, der die Pompejaner vor Bleivergiftungen schützte.

Unvergeßlich wirken die öffentlichen Thermen in der Nähe des Forums, deren Räume in sehr gutem Zustand sind und wo noch zwei (in Gips nachgegossene) Badesklaven liegen, so, wie sie hier vor 1899 Jahren unter der Asche erstickten. Eindrucksvoll auch das 142 Meter lange und 38 Meter breite Forum, wenngleich dessen zweistöckiger Säulenumgang nur mehr andeutungsweise erkennbar ist. Und dann die beiden gut erhaltenen Theater und das große, 20 000 Menschen fassende Amphitheater, wo es einmal bei Kämpfen zwischen pompejanischen und nucerianischen Gladiatoren unter den Zuschauern zu einer so blutigen Schlägerei kam, daß Kaiser Nero den Pompejanern die Veranstaltung von Gladiatorenspielen für zehn Jahre verbot.

Eine Welt ohne das Böse

Wohl den stärksten Eindruck vom Leben jener wohlhabenden, lebensfrohen Händler und Gewerbetreibenden vermitteln einige der besterhaltenen und zum Teil restaurierten Wohnhäuser. Zur Straße hin waren alle ausgesprochen schlicht, ja abweisend; außer dem Eingang war von dort aus nichts zu sehen. Anders als die Villen auf dem Lande hatten die pompejanischen Häuser, die sich seitlich und meistens auch mit der Rückfront direkt an die Nachbarhäuser anlehnten, keine Fenster. Licht und Luft erhielten sie von oben, durch das Atrium und den Innengarten beziehungsweise durch den Säulenhof.