Vor der Rampe im Yachthafen standen die Jollensegler, als sie ihre Boote zu Wasser ließen, Schlange wie an einem Skilift. An den Steganlagen ging es her wie auf einem überfüllten Parkplatz. Vor den Startlinien an den Regattabahnen sah man Szenen, die an das Schiffsgewimmel auf Bildern von Galeerenschlachten erinnerten. Mehr als 3000 Mann (und zwei Dutzend Frauen) segelten auf rund 1200 Jollen und Yachten in den Regattaserien der Kieler Woche 1978.

An Land war die Kieler Woche das vielleicht größte und gewiß programmreichste Volksfest einer deutschen Stadt. Es gab nach wie vor die sogenannten gesellschaftlichen Ereignisse, zum Beispiel das traditionelle Regatta-Essen im Kieler (einst kaiserlichen) Yacht-Club, und politische Repräsentation, die in diesem Jahr mit einem Europa-Kongreß weit über den Rathausturmhorizont hinausreichte. Vor allem aber war die Kieler Woche an Land eine „Fete“ der Bürger (und der Kinder), ein durchaus demokratisiertes Unternehmen.

Auf See hat die Kieler Woche sich mittlerweile zur größten Segelsportveranstaltung der Welt entwickelt. Zu keinem Sportereignis sonst in Deutschland, allgemeine Turnfeste ausgenommen, waren seit der Olympiade 1972 mehr aktive Teilnehmer erschienen. Sie kamen aus 28 Ländern. Gestartet wurde in 18 Bootsklassen auf fünf Bahnen und zudem in Seerennen, die weit in die Ostsee hinausführten. In den olympischen Klassen waren Segler aus der Sowjetunion am erfolgreichsten: Valentin Mankin (Olympiasieger 1972) und sein Vorschotmann Alexander Muzytsenko im Starboot und Vladimir Leontjew mit Juri Zubanow im Flying Dutchman. 1980 werden die olympischen Segelwettfahrten vor Tallin, dem alten Reval, entschieden. Diese Kieler Woche wurde von einigen Nationalmannschaften jetzt schon zur Vorbereitung auf den olympischen Medaillenkampf genutzt.

Die besten deutschen Segler lagen wie üblich in der Spitzengruppe, kamen in den sechs Olympia-Klassen aber nicht zu einem Gesamtsieg. Auch der Tornado-Weltmeister Jörg Spengler und sein Vorschoter Rolf Dullenkopf mußten sich mit einem zweiten Platz begnügen, hinter den Österreichern Prack/Peer. Das Wetter war zuweilen flau; am Anfang aber derart rauh, daß die Jollen zu Dutzenden kenterten und havarierten. Da durfte einem wieder der alte Seglerhohn einfallen: man könne das Regattasegeln viel einfacher haben – indem man sich unter eine kalte Dusche stellt und pausenlos Hundertmarkscheine zerreißt. Alexander Rost