Mit „Man kriegt nichts geschenkt“ holte sich Angelika Kutsch 1975, im „Jahr der Frau“, den Sonderpreis zum Deutschen Jugendbuchpreis für ihre herausragende Darstellung eines Mädchenlebens, wie es hier und heute tausendfach abläuft, scheinbar unauffällig, für die Betroffenen aber bewegend, dramatisch, nicht selten in einer gelinden Resignation endend. Gilt es doch so zukunftsweisende Dinge zu bewältigen wie einen vorzeigbaren Schulabschluß, eine gute Berufsausbildung und eine nach Möglichkeit glückhafte Partnerwahl. Silke, die Hauptakteurin des prämiierten Buches; ein Mädchen mit Hauptschule, kriegt – wie der Titel bereits ankündigt – von alledem nichts geschenkt. Im Gegenteil. Das Mädchen bleibt mit den Minimal – chancen, die ihm durch geringe Schulbildung und tumbe Eltern zufallen, hilflos auf der Strecke, bis sie gegen Ende des Buches doch noch einen eigenen, wenngleich vagen Entschluß faßt. In dem jetzt vorliegenden Titel

Angelika Kutsch: „Rosen, Tulpen, Nelken...“; Cecilie Dressler Verlag, Berlin; 141 S., 14,80 DM

nimmt die Autorin ihr Thema wieder auf. Ein Mädchen, viertes von vier Kindern einer Arbeiterfamilie, lebt mut- und lustlos in den Tag hinein, lernt schlecht, verläßt die Schule, sucht eine Lehrstelle, findet keine, will auch nicht so recht, jobt mal da, mal dort, gibt sich Illusionen hin, setzt auf die Liebe, den jungen Mann, der sie erlösen möge, kriegt statt dessen ein Kind, muß heiraten, mit dem bezwingenden Segen der gesamten Verwandtschaft.

Freilich gibt es in dieser Geschichte, in der die bedrückende Nichtentwicklung des Mädchens Andrea mit psychologischer Genauigkeit geschildert wird, einen quicklebendigen Gegenpol: Karin, eine richtig gute Freundin, kritisch, selber sehr ehrgeizig und immer mit Hilfsangeboten und plausiblen Veränderungsvorschlägen für die zusehends erstarrende Andrea zur Stelle. Aber die gleichaltrige Freundin, Einzelkind und begünstigt durch ein aufgeschlossenes Elternhaus, richtet nichts aus. Am Ende des Buches haben sich die beiden in jeder Beziehung auseinandergelebt; sie meiden irritiert den Kontakt.

Angelika Kutsch läßt in dieser neuen Beschreibung eines zu kurz gekommenen Mädchenlebens keinen Zweifel an ihrer Überzeugung, daß die sozialen Verhältnisse, etwa die abgewandte, unbeholfene Familie eine solche Entwicklung vorgeben. Sie zeigt aber auch, wie sich angesichts von Jugendarbeitslosigkeit und Lehrstellenmangel solche Benachteiligungen vervielfachen und bei den Betroffenen, ob sie Andrea oder anders heißen, Fluchtbewegungen auslösen, Selbsttäuschungen über eine noch kommende tolle Zukunft, sentimentale Tagträume und das Sichverlieben wie ein notwendiger Ausweg, damit überhaupt etwas geschieht. Ursula Genazino

Der Titel suggeriert in Anlehnung an unzählige Überschriften für Mädchenromane die vermeintlich solide Backfisch-Geborgenheit:

Helen Stark-Towlson: „Tochter aus gutem Hause“; rororo-rotfuchs 166, Rowohlt Verlag, Reinbek; 126 S., 3,80 DM