Fast hätten auch die Franzosen auf „den Film, den die Deutschen nicht sehen können“ (so der schadenfrohe Reklame-Slogan) verzichten müssen. Wer am Mittwoch letzter Woche nach Paris gereist war, um Hans-Jürgen Syberbergs fast siebenstündigen „Hitler“-Film zu sehen und den Regisseur in einer öffentlichen Diskussion zu erleben, stand zunächst vor einer verschlossenen Tür. Auf einem handgemalten Plakat teilte das „Studio des Ursulines“ im Quartier Latin am Kinoeingang mit, man habe den Film und die Debatte aus Sicherheitsgründen absetzen müssen. Diverse Bombendrohungen waren vorangegangen, aber allzu ernst nahm man sie schließlich wohl doch nicht. Denn noch am gleichen Abend tauchte „Hitler“ wieder auf, jetzt in dem bizarren fernöstlichen Kino-Tempel „La Pagode“ in der Rue du Babylone: ein seltsam passendes Environment für Syberbergs Monumentalwerk – die formen- und farbentrunkene Opulenz der Saaldekoration entspricht perfekt dem Stil der „Hitler“-Inszenierung.

„Die Schönheit des Bösen“, auch dessen „Größe“, schließlich die „attraktive Dämonie“ einer Epoche will Syberberg in vier Abteilungen zeigen. Und so stellt sich der Schauspieler Heinz Schubert, der später auch als Hitler und als Himmler zu sehen ist, im ersten Teil („Der Gral“) als kalkweiß geschminkter Zirkusdirektor vor, der „die größte Show des Jahrhunderts“ zelebriert: Adolf Hitler Superstar, für Syberberg ein deutscher Mythos wie Ludwig der Zweite von Bayern und Karl May, denen sich der Filmemacher zuvor gewidmet hatte.

Einem rationalen Verständnis von Geschichte und geschichtlichen Prozessen stellt Syberberg seinen Versuch einer „positiven Mythologisierung“ entgegen. Erst den überlebensgroßen Hitler, „den einsamen Wolf im Bunker seines Niedergangs“, den genialischen Vollstrecker europäischer Geschichte und deutscher Kultur hält er einer Auseinandersetzung für würdig. Der Dämon Hitler steigt aus Richard Wagners Grab, sehr oft ist von der „Hölle“ die Rede, der „wir“ (wir, die Deutschen?) immer noch nicht entronnen sind. Denn Hitler west weiter als „schlechtes Gewissen des demokratischen Systems“, dem er solche Scheußlichkeiten wie den Massentourismus, die Pornographie und die deutsche Filmkritik hinterlassen hat: Besonders letztere nimmt einen bevorzugten Platz in Syberbergs westdeutscher „Kulturhölle“ ein (die „Erben Hitlers“ sehen sich auf einer Tafel verewigt), und wer sich fragt, was das denn mit Hitler zu tun habe, sitzt gewiß im falschen Film.

Syberbergs „Kunst zu trauern“ spielt sich in einem hermetischen System privater Obsessionen ab, das kritische Fragen ausschließt. In einer endlosen, von mehreren Darstellern abwechselnd vorgetragenen Suada überschüttet er: den Zuschauer (dessen Geduld als Zuhörer über Gebühr strapaziert wird) mit teils pathetischen, teils larmoyanten, fast immer nebulösen Sentenzen über das Weltall und die Umweltverschmutzung, Hollywood und den „deutschen Traum des Todes“, Jesus und den russischen Film.

Oft möchte man den Ton abdrehen, um sich diesem sinnlosen, peinigenden Wortgeklingel zu entziehen. Und um sich auf die Bilder konzentrieren zu können, die Syberberg und sein Kameramann Dietrich Lohmann erfunden haben. Denn so pompös und verschwommen der entfesselte Kulturphilosoph Syberberg formuliert, so suggestiv und faszinierend sind seine visuellen Phantasien, sind auch manche Bild- und Tonkontraste.

Der Schauplatz: eine künstliche Atelierlandschaft, durchzogen von farbigen Nebeln, bevölkert von Marionetten, Pappfiguren und Schauspielern – eine surreale Trümmerlandschaft, in der Doktor Caligari Platz hat neben Hitler, dem Teppichbeißer, Hitler, dem Anstreicher, Hitler, dem Chaplin-Modell, Hitler, dem Teufel aus dem Kasten, von stroboskopischen Lichteffekten verzerrt. Der Reichsadler mit dem Hakenkreuz steht manchmal in dieser Horrorszenerie, aus griechischen Säulen, quillt Dampf, verloren wandert ein kleines, schwarz gekleidetes Mädchen, das zum Ende des Films einen Kranz aus Zelluloidstreifen trägt, durch das bunte Chaos, das durch ständig wechselnde Rückprojektionen auf einer riesigen Leinwand hinter der Dekoration vollends aus den Fugen gerät. Da sieht man Gemälde von Runge und Friedrich, Winterlandschaften und Nazi-Aufmärsche, die Garbo und die Reichskanzlei.

Diese einzigartige Rückprojektionstechnik hat Syberberg seit „Ludwig“ und „Karl May“ zu einer Perfektion und Vielseitigkeit entwickelt, die man genial nennen muß: ein ideales Medium für seine vieldeutigen Assoziationsketten, die sich aus den Korrespondenzen zwischen Bildvordergrund, Rückprojektion und Ton ergeben. Das akustische Element wird immer dann interessant, wenn Syberberg selber schweigt und statt dessen authentische Tondokumente montiert: zum Beispiel eine Weihnachtsfeier des großdeutschen Rundfunks mit einer Konferenzschaltung von Soldatensendern an allen Fronten zu einem gemeinsamen „Stille Nacht, heilige Nacht“ oder einer Ehrung gefallener Nationalsozialisten aus der „Kampfzeit“ mit einer pathetischen Rezitation der Namen der toten Helden. Da verbinden sich oft fünf einander überlagernde Elemente (Bildvordergrund, Rückprojektion, Geräusch, Musik – oft Wagner, Beethoven, zwölf verschiedene Versionen des Deutschlandliedes, Sprache) zu schillernden Assoziationen.