Von Rolf Kunkel

Seine Augen signalisieren Distanz, vielleicht ist es auch nur Müdigkeit, die ihn nach einem Nachtflug Nairobi–Köln via London verschlossen wie ein Grab erscheinen läßt, Man mag ihn kaum danach fragen, obwohl es nicht zu übersehen ist: in Henry Ronos unterer Zahnreihe klafft eine zentimeterlange Lücke. In Amerika, erfahre ich, hat man ihn deshalb schon den "umgekehrten Leon Spinks" genannt. Die Zahnlücke des Läufers resultiert aus einer rituellen Zeremonie; sie ist nicht, wie beim Boxer Spinks, das Ergebnis einer Prügelei. Henry Rono, 26 Jahre alt, ist ein sanfter, zurückhaltender Typ. Wie der frühere Rekordläufer Kipchoge Keino gehört er zum Stamm der Nandi. Bei den Nandis dient die Extraktion der Vorderzähne der Stammesidentifikation, sie hat zudem gesundheitliche Gründe. Im Falle eines Kinnladenkrampfes kann der Nandi mit einem Strohhalm ernährt werden.

Seit Jahren gelten die unermüdlichen Langstreckenläufer Kenias als Wunderknaben der Leichtathletik, sie sind zum Klischee geworden, Zieht man die Vorteile ihres Daseins in sauerstoffarmer Höhe, ihre natürliche Lebensführung und Ernährung sowie ihre durch das Überwinden weiter Distanzen in frühester Jugend angeeignete Ausdauer ab, bleibt ein mystischer Rest. Es ist ohne Parallele in der Welt und bisher unaufgeklärt, warum inmitten der vielen Stammesgruppierungen gerade die Nandi außergewöhnliche läuferische Fähigkeiten entwickeln. Es heißt, sie hätten genetische Vorteile. Durch einen extrem langen Oberschenkelknochen sei ihr Schritt in Relation zu ihrer Größe länger als normal.

Wie alle Nandi ist Henry Rono im Rift-Valley-Distrikt auf einem knapp 2000 Meter hohen Plateau nahe der Grenze zu Uganda aufgewachsen. Dort, im Dorf Kiptaragon, war sein berühmter Landsmann Keino im Spätsommer 1971 Mittelpunkt eines großen Dorffestes. Auch Rono stand unter den Zuschauern. Zu mehr als einen Blick auf sein Idol reichte es nicht. An diesem Tag, wir folgen seiner Darstellung, beschloß er, Läufer zu werden. 1972, während Keino in München die olympische Goldmedaille über 3000 Meter Hindernis in etwas mehr als 8 Minuten und 20 Sekunden erlief, benötigte Rono für die gleiche Strecke ohne den Wassersprung, den es zu dieser Zeit in ganz Ostafrika nicht gab, 8 Minuten und 30 Sekunden. Sechs Jahre später ist er Weltrekordinhaber in den vier klassischen Langlaufstrecken über 3000 Meter, 3000 Meter. Hindernis, 5000 Meter und 10 000 Meter; eine Leistung, die auch Ausnahmeläufer wie Nurmi, Zatopek, Ron Clark oder Lasse Viren nie vorweisen, konnten. Selbst der Schwede Gunder Haegg, der in einem glorreichen Monat des Jahres 1942 ein halbes Dutzend Weltrekorde auf den Strecken zwischen 1500 und 5000 Meter verbesserte, hatte nicht diesen weiten Aktionsradius.

22jährig verließ Rono die Hochschule und ging zum Militär. Im Herbst 1976, nachdem er mit der Nationalmannschaft wegen des Afrika-Boykotts vergeblich zu den Olympischen Spielen nach Montreal gereist war, besorgten ihm Landsleute ein Stipendium an der Washington State University in Pullman, Oregon, im äußersten Nordwesten der USA. Über Nacht verließ er die Armee und begann ein durch Reisen und Wettkämpfe unterbrochenes Psychologiestudium,

Wie der Weg an die Spitze war, möchte ich von Rono wissen. "Nicht schwer", antwortet der 1,73 Meter große, untersetzt wirkende Athlet, "ich bin in den Beinen sehr gelenkig, mir macht das Laufen nichts aus." Und er erzählt, wie er früher mit anderen Dorfkindern stundenlang, manchmal einen ganzen Tag, hinter Antilopen herlief, um sie zu fangen. Daher rührt wohl seine Ausdauer. Im Februar gewann er in Puerto Rico einen Halbmarathon über 21 Kilometer. Zu schaffen macht ihm die plötzliche Popularität. Dem eigenen Milieu ist er mit Riesenschritten davongelaufen, langsam streift er die Unsicherheit eines sozialen Außenseiters ab. Vor Jahresfrist trainierte er völlig unbeachtet im Dortmunder Bundesleistungszentrum und trommelte wochenlang seine Runden auf der Kunststoffbahn des Stadions "Rote Erde". Dort will er auch dieses Jahr wieder sein Trainingslager aufschlagen. "Ihr in Deutschland habt die besten Möglichkeiten. Was ich hier gelernt habe über Trainingslehre und -aufbau, hat mir zum Durchbruch verholfen."

Fernsehkameras und Reporter sind seit einigen Monaten seine ständigen Begleiter, genauer: seit dem 13. Mai, als er in Seattle in einem Regenrennen vor 200 privilegierten Besuchern die 3000 Meter Hindernis in 8:05,4 Minuten lief und den beim Olympiafinale in Montreal vom Schweden Garderud aufgestellten Weltrekord um 2,6 Sekunden unterbot, und das scheinbar ohne Anstrengungen mit gleichmäßigem, weichem Schritt, so, als würden die Beine nichts nach 3 Kilometern, 28 Hürden und 7 Wassersprüngen wiegen. Die 8 Minuten über die Hindernisstrecke gehörten zu den Traumgrenzen der Leichtathletik, von niemandem ernsthaft in Frage gestellt, bis Rono kam. Dabei ist diese Disziplin eine der schwierigsten.