Mit Vernunft allein läßt sich der Judenmord nicht erklären

Von Karl-Heinz Janßen

Da sitzen wir nun, seit mehr als dreißig Jahren – das Reich in Trümmern, die ostdeutsche Heimat verloren, Berlin geteilt, Preußen vernichtet; die alte Gesellschaft mitsamt ihren Werten zerschlagen, die neue noch ohne Konturen; die Welt erfüllt von Waffengerassel, die Herzen voll geheimer Ängste – vor atomaren Katastrophen, vor Inflation und Arbeitslosigkeit, vor Terroristen; und über alldem immer wieder Hitler, Hitler, Hitler – man kann’s nicht mehr hören.

Doch, nein, die Trauerarbeit ist noch nicht getan, sein Ungeist treibt weiter sein. Wesen, in vielerlei Gestalt: in einer pornographischen Subkultur, im Sensationsgeschäft der Medien, wo er sich tarnt im Gewande der Dokumentation oder der Nostalgie; in Grabsteinschändungen und den Krawallen einer Handvoll neonazistischer Spinner; dräuender, unheimlicher in einer Flut von Briefen hysterischer, fallbeilbesessener Zeitungsleser des Herbstes ’77; auch in den antisemitischen Spielen pubertärer Leutnants und den Judenwitzen der Pennäler. Nein, wir haben ihn keineswegs überwunden, die Auseinandersetzung um Filbinger und Puvogel lehrt es, auch die Traditionsdebatte in der Bundeswehr, deren Generalinspekteur vorige Woche endlich und viel zu spät einem Rudel das Nachsehen gab, weil er unsere Grundordnung schmäht, einen Mölders aber hochlobte, weil er ein tapferer Soldat war, als hätten nicht beide dem Massenmörder treu gedient...

Streithähne an einem Tisch

Also auf denn zu den Aschaffenburger Gesprächen über „Streitfragen der Zeitgeschichte“, auf denn zur deutschen Premiere des Hitler-Films von Hans Jürgen Syberberg, den zu sehen unser Filmkritiker noch nach. Paris reisen mußte (siehe „Träume in Trümmern“, S. 46). Der junge Historiker und Journalist Guido Knopp und die Volkshochschule der mainfränkischen Stadt hatten es gewagt, international renommierte Hitler-Forscher – Wissenschaftler wie Schriftsteller – an einen Tisch zu laden, obschon sich einige von ihnen seit Jahren offen oder versteckt befehden und einander lieber aus dem Wege gehen. Der Hitler-Biograph und Hitler-Filmmacher Joachim Fest hatte es denn auch vorgezogen, sich lieber nach Japan zu begeben, als sich mit dem Speyrer Professor Werner Maser zusammenzusetzen. Der Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Martin Broszat, war zwar im Programm angekündigt, hatte aber in letzter Minute vor lauter Bedenken gegen Maser ebenfalls abgesagt – ein Musterbeispiel falsch verstandener wissenschaftlicher Keuschheit. Da konnten die Veranstalter und die Besucher froh sein, daß wenigstens der Stuttgarter Historiker Eberhard Jäckel und der Londoner Germanist J. P. Stern sich nicht hatten abschrecken lassen, wiewohl sie eines anderen Streitpartners wegen ebenso Bedenken hätten vorschützen können, war doch auch der britische Zeitgeschichts-Schriftsteller David Irving erschienen, der hier noch einmal seine tausend Pfund ausloben wollte, die er jedem zahlen will, der ihm einen schriftlichen Befehl Hitlers zur Ermordung der „europäischen“ Juden vorzeigen kann.

Auf ärztlichen Rat ferngeblieben war der greise einstige Nürnberger, Ankläger Robert Kempner. Seinetwegen mußten, jedoch Rathaus und Schloßtheater von schwerbewaffneter Polizei umstellt werden, wurden die Taschen der Besucher am Eingang gefilzt – ein gefundenes Schauspiel für die Kameraleute des Prager Fernsehens. Rechtsradikale hatten handfeste Morddrohungen gegen Kempner vorgebracht, abge-– sehen von den beinahe schon obligatorischen Bombendrohungen gegen Syberbergs Film.