Von Sibylle Zehle

Vor den Fenstern des Schweizer „Kur- und Verkehrsverein Engelberg“ hängen weiße, blitzsaubere Stores. Das trübe Bild dahinter können sie nicht mildern: Regentropfen rutschen die Scheiben runter, fließen in kleinen Rinnsalen über die Plakate vom sonnenglitzernden „Titlis“-Gletscher und von der grellroten „Luzern-Stans-Engelberg-Bahn“. Die Gassen des alten Klosterdorfes und Klimakurortes glänzen ganz grau in der Nässe, und die Wiesen rundum verlieren sich irgendwo in den Wolken. Die Bergwelt zeigt nur ihre Füße.

Die Mädchen vom „Auskunftsdienst“ des Verkehrsbüros schütteln sich die letzten Wassertropfen aus den Haaren, sagen ein fröhliches „Grüezi mitenand“ und legen den in freundlichem Orange gehaltenen Ratgeber für Touristen „Falls es einmal regnen sollte...“ auf den Tresen. Dann reden sie wohl übers Wetter. Die Engelberger Mundart erschließt sich dem Fremden nicht in der ersten Stunde. So fallen alle Angestellten des Büros im Gespräch mit auswärtigen Gästen wie auf Knopfdruck in ein hübsch klingendes, singendes Hochdeutsch. „Sie werden sehen“, sagen sie, „heute wird es mehr Reklamationen als üblich geben. Wir vom Verkehrsverein sind hier für alles verantwortlich, also auch fürs Wetter.“

Die ersten drei Touristen, mit Südwestern auf dem Haupt und gelben Lackmänteln eher für eine Deichwanderung im Novembersturm gerüstet, bauen sich vor meinem Schalter auf. Einen Morgenspaziergang haben die Herrschaften bereits hinter sich, wollen jetzt wissen, was Engelberg an „Kulturellem“ bietet. Bevor ich überhaupt ansetzen kann, von Kirchen, Kinos, Kurkonzerten zu erzählen, hat Vreni Butler, meine „Kollegin“ für zwei Tage, alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

„Ja, hier ist es wüscht“, sagt sie in den Telephonhörer, „wirklich, ganz wüscht. – Was, in Basel seheint die Sonne? – Nein, glauben Sie mir, nicht nur bedeckt. Wüscht!“ Engelbergs Gäste, meine Kunden, zucken bei jedem „wüscht“ von Vreni schmerzlich zusammen. Dann ziehen sich die Wasserfäden von den Seemannshüten bis zum Mantelkragen. Vreni sagt noch: „Ja, auf den Titlis können Sie natürlich schon hochfahren“, und weiter, ganz freundlich: „Nur, Sie sehen dann eben nichts.“

Da hatte ich meine erste Erfahrung im Verkehrsbüro gemacht: Es ist genauso schwer, Auswärtigen, die gerade blauen Himmel haben, klarzumachen, daß in den Bergen schlechtes Wetter sein kann, wie Anwesenden, die gerade keinen blauen Himmel haben, zu verdeutlichen, daß schlechtes Wetter in den Bergen auch sehr schön sein kann.

Die „16 Regentips“ des Verkehrsbüros zeigen dennoch so etwas wie lindernde Wirkung. Die drei Touristen reizt nun das Hallenbad doch mehr als die „Kultur“, und draußen, im Schaufenster, wollen sie sich auf der großen Tafel: „Partner gesucht für...“ die Adresse eines Bridgespielers notieren. Da steht auch der Name jenes Besuchers, der sich tags zuvor mit den knappen Worten vorzustellen verstand: „Ich bin 55, frisch geschieden, suche Urlaubspartnerin, nicht rechthaberisch.“ Das Verkehrsbüro beschränkte sich auf die Notiz: „Begleiterin zum Wandern gesucht.“ Die hängt nun unter „Diverses“.