Von Hans Albrecht Hesse

Zu der Debatte zwischen Marion Gräfin Dönhoff und Professor Habermas meldet sich heute Hans Albrecht Hesse, Professor für Didaktik der rechtswissenschaftlichen Ausbildung an der Universität Göttingen.

Habermas findet den deutschen Liberalen im April 1978 nicht mehr viel wert, zu wenig kritikbereit; er vermißt ihn im Kreise derer, die gegen die Berufsverbote kämpfen er sieht ihn eingebunden in eine politische Bewegung, die irgendwie nach rechts treibt; belastet mit nationalen und obrigkeitsstaatlichen Hypotheken; auf dem besten Wege, in eine „neue Militanz alter Rechtsintellektueller eingebunden zu werden“; unfähig, für liberale Prinzipien noch zu kämpfen: „anscheinend muß man in diesem Lande Polizist sein“ für den Kampf um liberale Prinzipien.

Der Liberale, der den Kampf für seine Prinzipien aufgegeben hat, was wäre er in der Tat noch wert?

Ich habe mich über Habermas’ Liberalen-Verriß sehr geärgert. Ich empfinde mich selbst als Liberalen, habe seit zehn/fünfzehn Jahren im Verbund mit Kollegen, die sich ebenso empfinden, Hochschulpolitik getrieben und meine Arden, in Forschung und Lehre getan und habe nicht die Absicht, den Habermasschen Verriß zu akzeptieren.

Was ärgert mich so am Habermasschen Brief? Das ist einmal der Momentcharakter seiner Analyse. Zwar wird gelegentlich auf „Geschichte“ zurückgegriffen, wenn die nationale und obrigkeitsstaatliche Hypothek beschworen wird, die dem Liberalen angeblich auf den Schultern liegt, oder wenn es darum geht, den „Sozialisten“ als einzigen Kämpfer für liberale Prinzipien zu reklamieren – aber das sind globale und großzügige Verweise auf eine ferne Vergangenheit, die mich nicht sonderlich interessieren für die Einschätzung meiner gegenwärtigen Situation. Dagegen habe ich eine lebhafte Erinnerung an die letzten zehn, fünfzehn Jahre, die ich erlebt habe und deren Bedeutung für die Gegenwart ich spüre in vielem, was ich tue und unterlasse. Leider ist von dieser erlebten und ja auch mitgestalteten Vergangenheit bei Habermas nicht die Rede. Ich will versuchen, davon einiges mitzuteilen.

Die Veränderung der Hochschule in den sechziger Jahren ist nicht zuletzt das Ergebnis gemeinsamen Vorgehens von „Liberalen“ und „Linken“ gewesen. Dieses Vorgehen habe ich durchgängig so erlebt: Es gab Zeiten, und es gab Situationen, da waren die „Linken“ allein nicht stark genug. Da gab es Absprachen zwischen „Linken“ und „Liberalen“ und – jedenfalls im Ergebnis – gemeinsame Aktionen. Und es gab Zeiten und Situationen, da waren die „Linken“ allein stark genug. Da haben sich die „Linken“ den „Liberalen“ gegenüber genauso machtlüstern und genauso rücksichtslos verhalten wie die Gruppen, die sie zuvor gemeinsam bekämpft hatten.