Zauberer, der Derbysieger 1978, knabberte ein wenig an seinem Lorbeer, während Jockey Bernd Seile mit strahlendem Lächeln die Gratulation der Prominenz entgegennahm. Das 109. Deutsche Galopp-Derby in Hamburg-Horn verlief ganz anders, als es die Experten des Turfs vorausgesagt hatten. Denn mit dem Hengst Zauberer, der noch vor einer Woche beim Otto-Schmidt-Rennen in Hamburg ziemlich enttäuscht hatte (nur dritter Platz), war vorher kein besonderer Staat zu machen. Gewiß, man wußte, daß der Hengst aus dem Gestüt Bona über einen bemerkenswerten Endspurt verfügte; aber man wußte auch, daß er dafür viel – und die Experten sagten "allzu viel" – Platz benötigte.

Und dann war da ja vor allem Limbo, der ungeschlagene Derby-Starter, den Trainer Ossi Langner einen "feinen Kerl" nennt ("wenn ich in die Box komm’, knüpft er mir immer die Schnürsenkel auf"), und der für dieses Rennen so hochfavorisiert war wie kaum ein Derbypferd in den letzten zehn Jahren. Vielleicht, so meinte man vorher, könnte First Lord dem Favoriten ein bißchen gefährlich werden; und man machte dabei den Zusatz: falls der Boden weich wäre.

Nun, der Boden war weich an diesem Derby-Tag. Es hatte in Strömen geregnet, die Mode war schon vorher auf der Strecke geblieben, es herrschte der Regenschirm. Petrus machte diesmal also nicht mit, trotzdem fast 40 000 Zuschauer, unter ihnen Bundeskanzler Helmut Schmidt.

22 Pferde gingen an den Start; das 23., der Hengst Renucci, hatte beim Aufgalopp seinen Reiter abgeworfen und war damit aller Sorgen ledig. Eingangs der Zielgeraden war von Zauberer, der sich stets im letzten Drittel aufgehalten hätte, immer noch nichts zu sehen. Limbo besaß eine gute Ausgangsposition; aber dann marschierte First Lord. Und von diesem Pferd wußte man, daß es auf schwerem, weichem Geläuf Flügel zu bekommen pflegte. Es sah also nach einem Sieg des vom englischen Jockey Willie Carson gerittenen First Lord aus, als plötzlich Zauberer in einem faszinierenden Finish herankam, Meter um Meter. Und schließlich waren es Zentimeter, mit denen der Hengst unter dem 23jährigen Jockey Bernd Seile, der hier sein Meisterstück lieferte, vor First Lord den Kopf im Ziel vorn hatte. "Ich war mit First Lord einen Augenblick zu früh in Führung", sagte Willie Carson nachher.

Limbo wurde Dritter. "Er ist trotzdem ein feiner Kerl und ein gutes Pferd", sagte Ossi Langner nachher. Recht hat er. Gerhard Seehase