Der Mann, dem die Bundesrepublik Deutschland ihre erste entscheidende Niederlage vor dem Europäischen Gerichtshof in Straßburg verdankt, ist kein strahlender Held des Tages. In der Stadt seines Wirkens, in Bad Homburg, beschreiben ihn Beobachter der Szene: „Der rennt wie ein Penner durch die Gegend.“ Die Rede ist von dem Arzt Eberhard König, einstmals renommierter Chirurg, dem vor vielen Jahren die Approbation und die Erlaubnis entzogen worden war, eine Privatklinik zu betreiben.

„Nur nicht nach Straßburg“, hatten ihn seine Anwälte gewarnt: So blickt jetzt der Hals-, Nasen-, Ohrenarzt Eberhard König auf über ein Jahrzehnt des Prozessierens zurück: der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat ihm bestätigt, daß auch Verwaltungsgerichte dem Artikel 6 der Menschenrechtskonvention unterliegen, also dem Grundsatz verpflichtet sind, daß die unangemessene Dauer eines Verfahrens einer Rechtsverweigerung gleichkommt. Mit diesem Spruch hatte zum erstenmal in der Geschichte der europäischen Menschenrechtskommission die Bundesrepublik Deutschland einen Prozeß vor dem Straßburger Tribunal verloren. „Und in Straßburg sitzt die europäische Elite der Rechtswissenschaft“, genießt der Sieger seinen Triumph.

Die Ansichten über Königs medizinische Qualitäten und über die Umstände, die zum Entzug der ärztlichen Approbation im Frühjahr 1967 und zur Schließung seiner Privatklinik im Mai 1971 führten, sind allerdings nach wie vor geteilt, wobei die skeptische Distanz überwiegt. Schließlich hat Straßburg auch nicht die Entscheidungen der hessischen Verwaltungsgerichtsbarkeit in der Sache aufgehoben, sondern vielmehr die unerträgliche Dauer der Verfahren gerügt. So mußten auch die Vertreter der Bundesregierung bei der Verhandlung vor den Europa-Richtern zugeben, daß ein Zeitraum von zehn Jahren für ein verwaltungsgerichtliches Verfahren nicht vertretbar sei.

Tatsächlich dauerte es sieben Jahre, bis zum Frühjahr 1978, ehe es zu einer Entscheidung über den Approbationsentzug kam; der Streit über den Entzug der Betriebserlaubnis für die Klinik ist nach elf Jahren bis heute noch nicht ausgestanden.

Die Verzögerung habe König selbst zu verantworten, weil er – neben anderem – häufig seinen Anwalt gewechselt habe, wurde ihm vom staatlichen Prozeßgegner vorgehalten. Doch damit konnte der Europäische Gerichtshof nicht überzeugt werden. Und König erläutert, er habe sich selbst juristisch sachkundig machen müssen, nachdem sein Vertrauen zu Anwälten geschwunden gewesen sei.

Dabei hatte er Juristen mit Rang und Namen bemüht, unter anderem auch den Münchner Star-Anwalt Rolf Bossi.

Im Laufe der Jahre haben sich die Gerichtsverfahren, die Argumente und die Gegenargumente derartig vermehrt, daß sich nur noch Experten auskennen. Auf der anderen Seite hat der „Fall König“ eine eigene Dimension bekommen. Es geht nämlich heute gar nicht mehr darum, ob sich ein Arzt standeswidrig verhielt oder nicht, ob Verwaltungsentscheidungen zu Recht ergingen oder nicht. Ob die Standesorganisation ihn nicht verkraften konnte, weil er Erfolg hatte, wie es einmal formuliert wurde, ist nicht mehr das Thema des Tages. Zu einem wirklichen Fall wurden die Prozesse um den Bad Homburger Arzt erst, seit die Straßburger Richter eine Entscheidung getroffen haben, die über den Einzelfall hinaus einen Mißstand in der Bundesrepublik anprangerte: Verstöße gegen die Europäische Menschenrechtskommission, in der das Recht auf ein Gerichtsverfahren „in angemessener Frist“ garantiert wird.