Natürlich findet sich in dem siebenseitigen Bukarester Kommuniqué der Ostblock-Wirtschaftsgemeinschaft (Comecon) das politisch Wichtigste nicht einmal zwischen den Zeilen. Dem rumänischen Ministerpräsidenten Manea Manescu blieb es – wieder einmal – vorbehalten, die Abfuhr für sowjetische Extrawünsche zu artikulieren. Die Erfahrungen von fast drei Jahrzehnten gegenseitiger Zusammenarbeit, so sagte er doppelsinnig vor den versammelten kommunistischen Regierungschefs, hätten das Statut des „Rates für gegenseitige wirtschaftliche Hilfe“ als richtig und gültig bestätigt. Es verpflichtet die Mitglieder zur Einstimmigkeit. Um dieses Prinzip zu ändern, braucht es ebenfalls Einstimmigkeit. Und damit war das sowjetische Ansinnen abgeschmettert, doch bitte das Mehrheitsprinzip einzuführen.

Was die Sowjetunion mit dem Mehrheitsprinzip bezweckte, ist mehrerlei: Sie will den wirtschaftlichen und politischen Eigensinn mancher Comecon-Mitglieder zügeln, ihr ohnehin ungeheures Übergewicht von den zwar dünnen, aber doch recht schmerzhaften Fesseln des Statuts befreien, außerdem die unbehagliche Westorientierung mancher Partner begrenzen (das hätte Polen, Ungarn und Rumänien betroffen) und schließlich von den Vorzügen profitieren, welche die DDR bei ihren Wirtschaftsverbindungen zur Bundesrepublik genießt. Daß die Partner dann auch stärker zur Kasse gebeten werden könnten, versteht sich von selber.

Wegen des gleichen sowjetischen Ansinnens hat bereits vor fünfzehn Jahren Rumänien die Vasallentreue zu Moskau aufgekündigt. Das abermalige Scheitern ist Symptom und Ergebnis nationaler Regungen in Osteuropa gleichermaßen. Sogar Bulgarien, sonst an willenloser Treue zur Sowjetunion kaum zu überbieten, besinnt sich im hundertsten Jahr seiner staatlichen Existenz auf seine nationale Identität, und auch die DDR hat bereits im Vorfeld der Bukarester Beratungen ihre Interessen ganz ungewohnt vertreten. Allerorten im Ostblock müssen die Regimes auf die Empfindungen ihrer Völker Rücksicht nehmen, die in Jahrzehnten gelernt haben, daß das klassische do ut des in der Sowjetdialektik abgewandelt heißt: Du gibst, und ich nehme. Dafür erhält die Sowjetunion jetzt die Quittung.

Um die von der Sowjetunion gewünschte und in gewissen Grenzen auch durchsetzbare Integration aufzuhalten, scheinen die osteuropäischen Staaten sogar die Erweiterung ihrer Organisation durch Exoten wie Vietnam hinzunehmen. Kuba und die Mongolei sind schon lange dabei. Je mehr Staaten dieser Zwangsgemeinschaft angehören, desto unwahrscheinlicher ist es, daß sie jemals zu einer politischen Einheit zusammenwächst. Es mag ihr da ähnlich ergehen wie der Europäischen Gemeinschaft. Freilich: Die osteuropäischen Regimes, in deren Ländern es an allen Ecken und Enden knapp ist, leisten die „solidarische Hilfe“ für die weit entfernten Exoten so zähneknirschend wie die Betriebsbelegschaften im Ostblock freiwillige Arbeitseinsätze etwa für die Vietnamesische Republik.

Bei alledem darf nicht übersehen werden, daß die wirtschaftliche Einbeziehung dieser Staaten auch politischen Zwecken dient. Wer dem Comecon angehört, ist Teil des sozialistischen Lagers und hat vollen Anspruch auf brüderlichen Beistand. Mit anderen Worten: Die Breschnjew-Doktrin liegt auch über den außereuropäischen Staaten. Auch daran werden die Westmächte künftig denken müssen, die auf der Beobachterbühne in Bukarest bereits Laos, Äthiopien und Angola registrieren mußten. Jene aus der Dritten Welt stehen sozusagen in der Lobby des Comecon. (Siehe auch: Ostblock – Distanz zum großen Bruder, Seite 19.) Eduard Neumaier