ZEIT: Herr Bürgermeister, Sie haben vor Beginn des Europäischen Rates in Bremen eine europapolitische Äußerung getan, die einiges Aufsehen erregt hat. Sind Sie wirklich der Ansicht, daß die politische Union Europas nicht mehr das Ziel der Bundesregierung sei?

Koschnick: Nein, das Ziel der Bundesregierung, langfristig zu einer politischen Union zu kommen, bleibt bestehen. Wohl aber muß bestritten werden, daß es ein vorrangiges Ziel ist. Wir sind im Augenblick nicht in der Lage, uns ökonomisch in vielen schwierigeren Fragen zu verständigen, wenn ich nur an das leidige Problem Fischerei in der Nordsee denke. Wir haben Probleme in der internationalen Politik, die Fragen betreffen Wie: Was machen wir in Amka? Wie behandeln wir den skandinavischen Raum? Welche Position nehmen wir im Nahen Osten ein? Alle diese Fragen werden in den nächsten Jahren nicht mit einer einheitlichen Stimme Europas zu klären sein.

ZEIT: Nun ist die politische Union immer ein Fernziel der Europäer gewesen...

Koschnick: Das stimmt, aber man muß fragen, bezieht sich dieses Fernziel wirklich nur auf die Neun, oder müssen wir nicht auch klare Antwort geben, wenn andere europäische; Staaten zu uns kommen wollen? Wenn ich an Portugal, wenn ich an Spanien, wenn ich an Griechenland denke oder an die Türkei. Wenn ein politisches Ziel so euphorisch und vordergründig abgehandelt wird, wie das manchmal bei den Parteien geschieht, dann zerstören wir es. Ich habe darum den Europäischen Rat in Bremen gebeten, man möge doch zunächst einmal die konkreten ökonomischen Fragen lösen. Auf diesen Feldern sehe ich Aufgaben für die europäische parlamentarische Vertretung. Aber ich habe davor gewarnt, allzu optimistisch an eine Entwicklungskette zu glauben: Wir gehen nach Europa, dann haben wir ein Parlament, dann haben wir bald eine Regierung, dann haben wir eine Union.

ZEIT: Sie haben de Gaulles „Europa der Vaterländer“ als mögliches Modell, erwähnt, aber das wäre natürlich keine politische Union.

Koschnick: Nein, das wäre maximal eine Föderation gewesen. Ich habe auch Charles de Gaulle nicht wieder zum Leben erwecken wollen. Vielmehr wollte ich mit seiner Vorstellung deutlich machen, daß es im Spektrum der Politik auch etwas anderes gibt als eine feste Union, daß unter Umständen ein loser Zusammenschluß am Anfang stehen sollte. Ich warne davor, daß wir heute vor den Europa-Wahlen den Leuten mehr versprechen, als wir halten können. Und ich stelle fest, wenn ich die Europa-Programme der Parteien, einschließlich der SPD-Vorstellungen, durchlese, daß sie mir in dieser Frage zu euphorisch erscheinen.

ZEIT: Sollte demnach das Wort von der politischen Union in den Programmen der Parteien gar nicht mehr vorkommen?