Seit rund vier Wochen schon berät in der Bundeshauptstadt eine internationale Versammlung, die, was Aufwand und Tam-Tam angeht, das genaue Gegenteil, etwa des Weltwirtschaftsgipfels darstellt. Still und unauffällig tagen in der Bonner Beethovenhalle mehr als 100 Wissenschaftler und Diplomaten aus den KSZE-Staaten, um jenes wissenschaftliche Forum vorzubereiten, das weiland in der Schlußakte von Helsinki auf Vorschlag des damaligen Außenministers Scheel beschlossen worden ist.

In diplomatischer Hochsprache ist ihnen die Aufgabe zugewiesen, Vorschläge „zur Erörterung zusammenhängender Probleme von gemeinsamem Interesse auf dem Gebiet gegenwärtiger und zukünftiger Entwicklungen der Wissenschaften“ zu machen.

Doch was nach reinen Fachfragen aussieht, hat allemal auch einen politischen Hintergrund. Die östlichen Delegationen, zumal die sowjetische, neigen dazu, sich auf Punkt und Komma genau an den Formulierungen festzuhalten, die von der Schlußakte vorgegeben sind. Gegenüber engeren Kontakten zwischen Wissenschaftlern aus Ost und West zeigen sie sich ziemlich reserviert. Ob unter diesen Umständen mehr als ein vager Kompromiß oder ein reiner Fachkongreß herauskommt, steht noch dahin. Um so reizvoller wäre es zu beobachten, wie über den Alltag der Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa verhandelt wird. Aber wohl oder übel wird am Unterfutter der Entspannung hinter verschlossenen Türen genäht.

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Totales Versagen des modernen Liberalismus durch den Widerspruch zwischen humanistischer Liberalität und krassestem Wirtschaftslobbyismus, Festhalten an Regierungsämtern statt Hinwendung auf die Probleme der Menschen, nicht Zukunftsgestaltung, sondern Zustandsverwaltung –das sind nur einige Stichworte aus der Kritik, mit der das „einfache FDP-Mitglied“ Ernst Lutterbeck, Ministerialrat im Innenministerium, sowie die beiden Vorstandsherren Hans-Wolfgang Rubin und William Born in der letzten Woche ihre Partei öffentlich eingedeckt haben. Hatte der Schock des Hinauswurfs aus der Hamburger Bürgerschaft und dem niedersächsischen Landtag die FDP zunächst in Betäubung versetzt, so kommt es jetzt knüppeldick, besonders aus der linksliberalen Ecke der Partei.

Daß sie so schonungslos über die Gründe ihrer Niederlagen diskutiert, darin ist die FDP auf jeden Fall noch liberal. Und natürlich wird die Philippika mit einer Menge guter, wenn auch nicht unbedingt neuer Ratschläge verbunden. Aber beides zeigt doch auch, wie sehr die Partei außer Tritt gekommen ist.

Carl-Christian Kaiser