Ich wollte die Nacht in Scilla verbringen, noch auf dem „Kontinent“, wie dieSizilianer sagen; aber die Autobahnausfahrt hoch überm Meer war wegen Bauarbeiten gesperrt. Einspurig und im Schritt, der überschweren Laster wegen, schlich eine endlose Wagenkolonne die steile Piste nach Villa S. Giovanni hinab, wo man nicht bleiben will.

Also übersetzen auf die Triangelinsel, so rasch wie möglich! Auf dem weiten Parkplatz bei den staatlichen Fährschiffen warteten ganze drei Autos. Das Traghetto war wohl gerade abgefahren. Ich folgte einem Fiat aus Catania, der zielstrebig durch winklige Einbahnstraßen eine andere Landestelle ansteuerte. Und da standen sie denn auch: drei von rot-weißen Schranken scheinbar willkürlich zerschnittene Doppelreihen gummibereifter Vehikel aller Gewichtsklassen. Standen.

Es war 19.30 Uhr Sommerzeit. Ein glühender Scirocco blies die Luft aus der Perspektive. Messina, im schrägen Licht frisch wie aus dem Baukasten, schien zum Hinschwimmen nah und war doch rund 20 Kilometer weit weg.

Wir standen. Aller Wagen Fenster und Türen waren offen. Der afrikanische Wüstenwind kühlte gleichwohl die sonnenbeheizten Bleche, trocknete die schweißnassen Hemden der Fahrer.

Die jähe Dämmerung. Ich fragte das ältere Ehepaar aus Catania, ob dies hier wirklich der flotteste Fährdienst sei. „Doch, doch. Die hier warten keine Züge ab. Und normalerweise...“ „Was ist ,normalerweise‘?“ fragte ich. „Es geht hier zügiger“, sagte der Mann resigniert. „Privatunternehmen“, bemerkte die Frau. „Der Besitzer hat ein Betrugsverfahren am Hals“, sagte der Mann amüsiert.

Die Doppelreihe neben uns begann zu rucken. Einige Achtachser kriegten die Kehre zur umständlichen Rampenanfahrt nicht. Personenwagen mußten zurücksetzen. Rückstau, Gerem-Pel. Als wir wieder einmal hinsahen, lockte Messina mit soliden Lichtergirlanden, als gelte es ein Kirchenfest zu feiern. Es ging auf neun. „Haben Sie nicht auch Hunger?“ fragte der freundliche Catanese. Ich nickte. Seine Frau holte aus dem Fond einige Scheiben kalabresisches Brot und bot mir davon an. „Man kann es so nicht essen“, sagte sie, nahm eine Flasche laues Wasser aus dem Wagen und begoß unser Brot. Dann warteten wir ein wenig und begannen zu kauen. „Pazienza!“ Hirtenbrot, gutes Brot. „Wir haben noch Glück!“ meinte der Mann, „stellen Sie sich das bei Tage vor, unter senkrechter Sonne! Und dann an Deck nichtüberdachter Fähren! Wie wird das erst in der Saison!“

„Wenn erst die Brücke da ist, wird alles anders“, sagte ich. „Die Brücke!“ hohnlachte der Mann, „die Brücke!“ „Seit wir Kinder waren, reden sie davon“, sagte die Frau sachlich, und der Mann rief: „Sehen Sie da das rote Licht? Punta Pezzo. Die schmälste Stelle. Da soll der Festlandpfeiler stehen. Wir werden es nicht mehr erleben.“ „Es gibt fast baureife Projekte“, sagte ich. „Und Wer soll die finanzieren? Das kann Italien nicht. Das könnte nur Europa. Und wenn Europa das tut, wo landen dann die Gelder?“ ereiferte der Mann sich.