Von Karl-Heinz Janßen

Das Schreckgespenst der Domino-Theorie trieb die amerikanischen Präsidenten Kennedy und Johnson samt ihrer Nation in den Vietnamkrieg. Wenn es nicht gelinge, Südvietnam vor dem "asiatischen Kommunismus" des Mao Tse-tung zu bewahren, dann werde der Pazifik zum "roten Meer", orakelte Lyndon Johnson 1961, und Kennedys oberster Militär, General Lemnitzer, befürchtete schwerste Auswirkungen auf Amerika und die ganze freie Welt: "Wir würden Asien bis hinunter nach Singapur verlieren." Seit 1975 ist nun Wirklichkeit, was eine Armee von 500 000 GI’s nicht hat verhindern können: Ganz Indochina ist kommunistisch. Doch die umliegenden Dominos, die übrigen Länder Südostasiens, wackeln trotzdem nicht. Und im kommunistischen Indochina herrscht Krieg – ein heißer zwischen Vietnam und Kambodscha, ein kalter zwischen Vietnam und China.

Der welthistorische Irrtum der Vereinigten Staaten in den sechziger Jahren wird jetzt vollends offenbar. Aber es saßen bereits damals in amerikanischen Stäben, ja sogar im Geheimdienst, kluge Leute, die ihn sogleich erkannten. Nur wollte niemand auf sie hören. Sie wußten, daß es sich beim Aufstand der Vietcong teils um eine hausgemachte Revolte in Südvietnam, teils um einen Wiedervereinigungsfeldzug der Nordvietnamesen handelte – beileibe nicht der Chinesen. Im Gegenteil: Der Partisanenkampf des Vietcong schöpfte einen Teil seiner moralischen Kraft aus der Überlieferung vom heldenhaften Widerstand der Vietnamesen gegen die chinesischmongolischen Invasoren aus dem Norden. Tausend Jahre lang war Vietnam von chinesischen Kaisern beherrscht worden. Es hat zwar die chinesische Kultur angenommen, doch seine nationale Identität gewahrt. Die Spuren solch tiefgehender, langdauernder historischer Gegensätze verwischen sich nicht von einem Tag auf den anderen.

Das Jahr 1978 kann für die Geschichte Südostasiens und des südasiatischen Kommunismus, auch für die weltpolitische Rivalität im Dreieck Moskau-Peking-Washington, eine ähnliche Zäsur bedeuten wie das Jahr 1960 im sowjetischchinesischen Verhältnis. Seinerzeit zog Chruschtschow von einem Tag auf den anderen sowjetischen Techniker aus China ab und stoppte die Wirtschaftshilfe. Die wegen ihrer Ketzerei gestraften, im Stich gelassenen Genossen brauchten Jahre, um die Scharte wieder auszuwetzen. Anfang dieser Woche verließen die ersten chinesischen Techniker Vietnam, nachdem die Regierung Hua und Teng die Wirtschaftshilfe eingestellt hatte.

Äußerer Anlaß für diese Vergeltungsaktion war die Massenflucht der Hoa, der in Vietnam ansässigen Chinesen. Von März bis jetzt sollen bereits 140 000 Flüchtlinge die Grenzen oder Gewässer nach China überquert haben, nicht mitgezählt die Tausende, die auf abenteuerlichen Booten über See die Kronkolonie Hongkong, die Küsten Thailands, Taiwans und sogar des fernen Australiens erreichten. Aber die "Verdrängung, Verfolgung und Vertreibung der Auslandschinesen" (so die Peking-Rundschau) ist doch nur der Schlußpunkt eines politisch-ideologischen Konflikts, der sich über die Jahre hin entwickelt und zugespitzt hat.

Solange der Nationalkommunist Ho Tschi Minh beim Kampf gegen die französische Kolonialmacht mehr oder weniger auf die chinesische Hilfe angewiesen war, lebten die Genossen in Peking und im vietnamesischen Dschungel noch im Honigmond ihrer jungen Allianz. Die erste Trübung setzte 1954 bei der Genfer Konferenz, ein, als Tschou En-lai die Vietminh-Führer überredete, zeitweilig einer Teilung Vietnams zuzustimmen. Ärger noch war der Schock des Jahres 1972, als Präsident Nixon mit allen Ehren in China empfangen wurde, während sich die vietnamesischen Kommunisten seiner Bomben und Granaten erwehren mußten. Dazwischen lag die Entfremdung zwischen Moskau und Peking. Der alte Ho Tschi Minh vermied es peinlich, in diesem Glaubenskampf Partei zu ergreifen. Doch je stärker sich nach seinem Tod der Krieg in Indochina von der Guerilla zur Material- und Panzerschlacht wandelte, desto größer wurde die Abhängigkeit der Vietnamesen von den sowjetischen Materiallieferungen, desto gewichtiger die prosowjetische Fraktion im Hanoier Politbüro,

Vietnam, im strategischen Vorfeld Chinas gelegen, wurde zum Schnittpunkt kommunistischer Großmachtinteressen. Der totale militärische Sieg der Nordvietnamesen im Frühjahr 1975 paßte den Chinesen nicht ins Konzept. Teng Hsiao-ping sagte es auf seine drastische Art: Was nützte es, den (amerikanischen) Tiger verjagt zu haben, wenn dafür der (russische) Wolf durch die Hintertür ins Haus kam?