Von John Updike

Man macht sich an Harold Raten "Proust-Drehbuch" ("The Proust Screenplay", veröffentlicht 1977 im Verlag Grove Press, New York; 2,95 Dollar) mit dem Vorsatz, nicht darüber zu klagen, daß Prousts Sprache darin verschwunden ist. Wie auch sollte sie erhalten bleiben, wenn man sich die tollkühne und faszinierende Idee in den Kopf setzt, ein Filmdrehbuch aus dem immensen Romanwerk "A la Recherche du Temps Perdu" zu machen? (Harold Pinter benutzt diesen Titel und gibt damit zu verstehen, daß er von dem französischen Original ausging und nicht von C. K. Scott Moncrieffs englischer Übersetzung, "Remembrance of Things Past".) Dennoch muß man sich verwundert fragen, wie der Dramatiker, ein Meister des lakonisch-elliptisch, polymorphabrupten Stils in der modernen Bühnenliteratur, es fertigbrachte, diesen üppigsten aller Romane von zwei Millionen Wörtern auf eine Kette von vierhundertfünfundfünfzig Einstellungen zusammenzustreichen, von denen einige in einer bloßen "flüchtigen gelben Leinwand" bestehen und andere so einfach sind wie

47. DIE AUGEN DER MUTTER.

Im Unterschied zu John Colliers "Drehbuch für ein inneres Kino" nach John Miltons "Verlorenem Paradies" unternimmt Pinters Skript keinen Versuch, den Dialog mit Beschreibungen auszupolstern; im Unterschied zu der realisierten Filmversion des "Ulysses" verläßt es sich kaum auf Autorenworte aus dem Off; und im Unterschied zu Ingmar Bergmans veröffentlichten Szenarien oder Arthur Millers "Nicht gesellschaftsfähig" hat es wenig Ähnlichkeit mit einer konventionellen Kurzgeschichte oder Novelle, Ich kenne in der Tat kein anderes Buch, welches uns ebenso kompromißlos vorführt, wie ein Drehbuch aussieht. Auch war mir bei der Lektüre keines anderen Buches, nicht einmal eines Beckett-Textes, die Arbeit des Auslassens je so bewußt, die Anstrengung, die es den Autor gekostet hat, sein Werk auf das Unerläßlichste zu beschränken. Übrigens habe ich bisher auch kein Buch rezensiert, bei dem sich ein Urteil so eindeutig verbietet, bei dem sich erst noch herausstellen muß, was eigentlich in ihm steckt. Das Skript wurde 1972 beendet, heißt es in Pinters Einleitung. "Dann haben wir alle versucht, das Geld aufzubringen, um den Film zu drehen. Bis zu diesem Zeitpunkt ist der Film nicht gedreht worden." Ehe dieser Zeitpunkt nicht vorüber ist, haben wir keine Ahnung, ob eine Stelle wie die folgende absurd ist oder genial:

367. AUSSEN. CANALE GRANDE. VENEDIG. TAG. 1903. Winterlich, frühe. MARCEL

nähert sich einem Palazzo in einer Gondel.

368. MUTTER, VON EINEM FENSTER GERAHMT.