Das ganz große Echo – und das verdient Beachtung – blieb aus. Bonns Lobbyisten, ansonsten allgegenwärtig mit Forderungen und Protesten, straften das radikale Steuervereinfachungs-Konzept des rheinland-pfälzischen Finanzministers Johann Wilhelm Gaddum fast einträchtig mit Schweigen. Dabei ging doch der Neuerer so vielen im Einkommensteuerrecht ankernden Privilegien ans Leben. Und die potentiell Betroffenen rühren sich nicht?

Ein paar, allerdings, redeten doch in Bonn. Der CSU-Chef Franz Josef Strauß zum Beispiel, der via Bild verkünden ließ, Gaddum habe das alles wohl "ironisch" gemeint. Bonns Finanzminister Hans Matthöfer auch, der das Reformpaket "unsozial" nannte. Und Dieter Piel, Bonner ZEIT-Korrespondent, ärgerte sich in der vergangenen Woche darüber, daß Gaddum, "der einsame Streicher" von Steuergesetzen, sich die Sache zu einfach gemacht habe; daß er, der Politiker, es versäumt habe, zu sagen, welche offenen Subventionen er denn an die Stelle des alten Begünstigungsdschungels setzten wolle.

So ist der Reformator also entweder unbeachtet geblieben oder – mehr oder weniger seriös – kritisiert worden. Beifall gab’s nicht. Auch seine Parteifreunde ließen ihn im Regen stehen, obwohl sie doch gerade erst – welch ein Name für dieses Sujet – eine "Ad hoc Kommission Entbürokratisierung" aus der Taufe gehoben hatten. Eines der Mitglieder: Johann Wilhelm Gaddum.

Einmal abgesehen davon, daß der Minister Gaddum wirklich besser gleich dazu gesagt hätte, wen er denn in Zukunft subventionieren will und wofür, abgesehen auch davon, daß er hätte klarer. machen sollen, daß seine Halbierung der Steuersätze trotz erhöhter Bemessungsgrundlagen ja schon Entlastungen bringt – die Reaktion auf seine Ideen ist ein deutsches Trauerspiel.

Alle bisherigen Versuche, Einkommen- und Lohnsteuer einfacher und gerechter zu machen, sind schließlich in einem Wust von neuen Gesetzen gemündet. Es hat sich – zum Nutzen allein der Steuerberater – sehr eindrucksvoll bewiesen: Reparaturen an dem Monstrum Einkommensteuerrecht machen es nur noch monströser. Die Folgerung kann da doch nur sein: Es gibt, methodisch, keinen anderen Ansatz mehr als den radikalen. Und den hat Gaddum gewählt.

Nicht der Hermann Fredersdorf mit seinem unglaubwürdigen, wenn auch publicityträchtigen Spiel "Rein in die Steuerpartei – raus aus Steuerpartei" kann der Beweger sein. Wohl aber könnten Gaddum und seine Beamten diese Rolle übernehmen.

Doch gegen sie steht eine konzertierte Resignation, die verheißt: politisch nicht machbar. Manche bedauern’s. Die meisten nicht. Sie ruhen sich – zum Vorteil der eigenen Bequemlichkeit oder dem ihres Klüngels – auf der allgemein akzeptierten Einsicht aus: Angesichts der Trägheit der Bürokratie und der Vielfalt von Interessengegensätzen gibt’s vom einstigen Handlungsspielraum nur mehr ein paar Ecken. Und da wird man dann das eigene Feld bestellen.

Armer Patient Steuerrecht: Nur eine Radikalkur kann ihm helfen. Doch, die Doktoren lassen ihn – vereint und zum Teil sogar fröhlich in ihrer Resignation – einfach liegen. Da soll Gaddums Kur doch Fehler haben. Es lohnt sich, sie zu beseitigen. Rainer Frenkel