Vollzieht sich in unserem Land unbemerkt ein

Epochenwandel?

Von Warnfried Dettling und Werner Weidenfeld

Die Zeichen der Zeit verraten kein eindeutiges Profil. Die Beobachter sind ratlos, unsicher – und in ihrem Urteil widersprüchlich. Gemeinsam ist ihnen nur die Verlegenheit, wenn es darum geht, die Fäden zu entwirren.

Oder ist am Ende alles halb so schlimm? Leben wir nicht in einer normalen, ruhigen Phase – in der internationale Politik die Machtsphären abgrenzt und wechselseitig respektiert, in der Innenpolitik mit der Sicherung der Bestände und der Währung des Status quo beschäftigt, im Geistigen kein Aufbruch zu neuen Ufern, sondern eher ein ermattetes Einhalten nach den Stürmen eines Jahrzehnts?

Diese „Normalitätsthese“, von Rolf Zundel in DIE ZEIT des neuen, Jahres, 1978 hineingeschrieben, von Helmut Schmidt dann dankbar auf-, gegriffen – umreißt sie am Ende nicht zutreffend die Lage unseres Volkes? Und die Unruhe, die Unsicherheit sind sie womöglich nicht nur die Ausgeburt .neurotischer Politphantasien, wie Klaus Harpprecht meint?

Diese Frage ist wohl falsch gestellt, und auf falsche Fragen gibt es keine richtigen Antworten. Ruhe und Normalität sind Erscheinungen an der Oberfläche, die höchst unterschiedliche Tiefendimensionen gesellschaftlicher Wirklichkeit abdecken können: „Normalität“ als Folge langsamen, beherrschbaren (und beherrschten) Wandels in einer Gesellschaft; als Ausdruck des Einklangs von Mensch und Umwelt, von Sein und Bewußtsein, Erfolgen und Erwartungen. „Normalität“ kann aber auch. Zeichen einer trügerischen Ruhe sein, die unterirdische Veränderungen verbirgt, die etwas vortäuscht, was gar nicht ist, die ein Gefühl der Sicherheit verleiht, das ohne Grund ist: die die Menschen tanzen läßt – aber auf einem Vulkan.