Bonn und Washington: Ihr Verhältnis hat schon viele Stöße überstanden

Von Josef Joffe

Helmut Schmidts Schwierigkeiten mit Jimmy Carter begannen mit einer Liebeserklärung an den amerikanischen Präsidenten. "Ich mag Ihren Präsidenten wirklich", verriet er einem Newsweek-Reporter. "Er hat viel geleistet und uns auch ganz schön geholfen ... Ich hege starke persönliche Gefühle für ihn, und ich glaube, er mag mich auch."

Nur: Es war der falsche Präsident, nämlich Gerald Ford. Und es war die falsche Zeit, nämlich der Herbst 1976, als Ford gegen Jimmy Carter in den Wahlkampf zog. Den Gegner des Nixon-Nachfolgers bedachte Schmidt nur mit höflicher Gleichgültigkeit: "Über Herrn Carter möchte ich gar nichts sagen, weder positiv noch negativ. Ich habe mich nur einmal eine Stunde lang mit ihm unterhalten." Schmidts milde Wahlspende ging daneben. Ford verlor, und Carter wurde Amerikas 39. Präsident.

Seitdem haben sich Kanzler und Präsident dreimal getroffen, aber kaum liebevolle Bande geknüpft – auch wenn Schmidt schon im Juli. 1977 die "engen und herzlichen" Beziehungen zwischen den beiden Ländern lobte und Carter – "Ihnen persönlich, Jimmy" – seine "große Bewunderung" angedeihen ließ. "Jimmy" kam ihm während seines ersten Besuchs in Carters Weißem Haus so zögernd über die Lippen, daß die Reporter hinterher spotteten, Schmidt habe dem drängenden Carter endlich das "You" angeboten.

Beide Männer haben es nicht leicht miteinander, allen Beteuerungen zum Trotz. Zum Teil sind sie einander zu ähnlich. Zurückhaltende Bescheidenheit ziert weder den einen noch den anderen; beide würden lieber dem anderen den Vortritt lassen, wenn es darum geht, einmal bezogene Positionen zu räumen. Beide wissen ganz genau, was sie wollen, und scheuen sich selten, die Öffentlichkeit an der eigenen Erleuchtung teilhaben zu lassen. Doch sind sie einander auch sehr unähnlich.

Wo Carter manchmal der Kompaß fehlt, mangelt es Schmidt zuweilen an politischem Takt. Der Präsident mag zu lange schwanken, aber der Kanzler gerät zu leicht ins Schimpfen – eine Versuchung, die ihm in Frankreich den Titel "le Feldwebel", in Amerika den Beinamen "Schmidt the Lip" eingetragen hat. Carters hehre Visionen zerschellen oft in der Kluft zwischen Wollen und Können; was ihm an Erfahrung und Einfühlungsvermögen fehlt, versucht er durch schieren Elan auszugleichen. Dafür finden Schmidts richtige Einsichten gerade im argwöhnischen Ausland nicht immer den verdienten Widerhall, weil sie nach teutonischer Besserwisserei klingen. Der eine predigt, der andere doziert. Es ist ein Konflikt zwischen Profi und Prophet, zwischen zwei Männern, die das höchste Amt in den beiden mächtigsten Ländern des Westens aus entgegengesetzten Richtungen erklommen haben.