Von Wilfried Kratz

In Großbritannien sind alle Blicke auf die nächste Wahl gerichtet, die mit hoher Wahrscheinlichkeit im Oktober veranstaltet wird. Da gerät nicht nur die innenpolitische Auseinandersetzung bitterer; auch das Auftreten der britischen Vertreter im Ausland muß immer mehr unter wahltaktischen Aspekten gesehen werden. Das gilt für das Verhalten in Brüssel, galt für den Europa-Gipfel in Bremen; und auch auf dem Bonner Weltwirtschafts-Gipfel wird Premier Callaghan nicht vergessen, daß die Briten in wohl nur noch drei Monaten ihr Urteil über vier Jahre Labourregierung abgeben.

Callaghan ist ohnehin keineswegs überzeugt davon, daß der geplante Währungsverbund wirklich eine so vorzügliche Sache ist, wie es der Hauptpropagandist Schmidt und dessen Freund Giscard d’Estaing gern sehen. Dabei erklären Callaghan und einige seiner Minister immer wieder, wie wichtig ihnen eine stabile Währungs-Szenerie ist. Und sie meinen das auch ernst. Zu oft schließlich wurde Großbritannien selbst von Währungskrisen gebeutelt, wurde die Wirtschaftspolitik dadurch aus den Bahnen geworfen. Für die Chancen der Labourparty, nach der gegenwärtigen Minderheitsregierung mit einer Mehrheit ins Unterhaus zurückzukehren, ist es also durchaus wichtig, daß Ruhe um das Pfund Sterling herrscht. Aber sich auf ein so bedeutendes und weitreichendes Unternehmen einzulassen, wie es in Bremen umrissen wurde, das ist eine andere Sache.

Und je mehr der Währungsverbund als ein Durchbruch in Richtung Wirtschafts- und Währungsunion präsentiert wird, um so hellhöriger und mißtrauischer werden jene Kräfte in Regierung und Partei, die gerade diese Entwicklung befürchten und bekämpfen.

Schon Callaghan selbst ist nicht das, was man einen leidenschaftlichen Europäer nennt. Und bei den Ministern, die dieser Beschreibung noch am nächsten kommen, brennt das Feuer nur noch auf halber Flamme. Im Kabinett sitzen aber auch Männer, die leidenschaftlich, wenn auch erfolglos, für den Austritt Großbritanniens aus der EG gestritten haben und bei denen jeder weitere Integrationsschritt Alarm auslöst.

In dieser Konstellation sieht der Taktiker Callaghan keinen Grund, innere Kontroversen zu entfachen, Parteiaktivisten, die er im Wahlkampf braucht, vor den Kopf zu stoßen – zumal das britische Publikum ohnehin keine hohe Meinung von der Europäischen Gemeinschaft hat. Für Callaghan ist es daher vorteilhaft, ganz betont als Verteidiger nationaler Interessen zu erscheinen, der unausgegorene kontinentale Pläne durchschaut und ihrer Erörterung eine neue, für Großbritannien günstigere Richtung gibt.

Als der Premier am Montag im Unterhaus über Bremen berichtete, formulierte er betont vorsichtig. So sprach er davon, daß die Finanzminister auf ihrer nächsten Sitzung am 24. Juli "Leitlinien für einen möglichen Plan" ausarbeiten sollten. Und im Rückblick auf die "Schlangen-Geburt" von 1972 meinte er, der deutschfranzösische Plan enthalte "einige neue Züge", womit er auf das Ziel der Schaffung eines europäischen Währungsfonds und die aktive Nutzung einer europäischen Währungseinheit anspielte.