Frankreichs neue Wirtschaftspolitik

Von Klaus-Peter Schmid

Armer Jean-Baptiste Colbert: Fast dreihundert Jahre nach dem Tod des getreuen Finanzministers Ludwig XIV. wurde jetzt sein Vermächtnis an die Nation, der Colbertismus, zur Irrlehre erklärt. Raymond Barre, der Wirtschaftsprofessor auf dem Stuhl des Regierungschefs, hat dem Erbe aus der Zeit des Sonnenkönigs öffentlich abgeschworen.

Bisher war es für die Franzosen selbstverständlich, daß der Staat für die Wirtschaft die Rolle des Protektors spielte. Er überwachte und reglementierte – und griff tief in seine Steuerkasse, wenn Not am Mann war. Nicht der Markt bestimmte das Geschehen, sondern ein Heer von Bürokraten, das unerschütterlich an die Lenkbarkeit der Wirtschaft glaubte. Was Colbert mit Schutzzöllen und gezielter Gewerbeförderung anstrebte, fand sich bis in jüngster Zeit in Preiskontrollen und Milliardensubventionen wieder.

Jetzt kommen die stets als anonym und unheimlich gescholtenen Marktkräfte plötzlich zu Ehren. René Monory, der neue Pariser Wirtschaftsminister, hat ohne große Übertreibung von einer "stillen Revolution" gesprochen. In der Tat steuert die Regierung an der Seine seit den Wahlen im März einen Kurs, der radikal mit alten Gewohnheiten aufräumt. Was in offizieller Version eine "Wirtschaft der Verantwortung und Konkurrenz" heißt, nähert sich stark dem marktwirtschaftlichen Konzept, das beim deutschen Nachbarn seit nunmehr dreißig Jahren praktiziert wird.

Drei Riesenschritte hat Paris in dieser Richtung unternommen

  • Seit dem 1. Juni werden die industriellen Erzeugerpreise "schrittweise und unwiderruflich" aus der Kontrolle entlassen.
  • Der Wettbewerb erhält mehr Bedeutung, Verstöße werden streng geahndet.
  • Die Industrie, haftet für Mißwirtschaft und kann sich nicht mehr auf den Staat als Nothelfer verlassen.