Nun haben sie also zugeschlagen, „die Spannungskiller vom Ersten Programm“, jene Spielverderber und Miesmacher, die „viele Krimis killen wollen“: Im adäquaten Killer-Jargon machten sich Axel Springers Welt und Bild zum Anwalt der empörten Volksseele. Bild forderte entrüstet: „Laßt doch Mimi ihren Krimi.“ Aber wirklich abschaffen wollen auch die ARD-Programm-Verantwortlichen nicht den allseits beliebten Mord und Totschlag zum Fernseh-Feierabend. Doch schicken sie sich an, die Schwemme brutaler Bilder und Töne, blutender Leiber und zersplitternder Knochen in Zukunft ein wenig einzudämmen. Achtzig Krimi-Leichen in einer einzigen Fernsehwoche zählte der Medienforscher Heribert Heinrichs im letzten Jahr, eine Orgie der Gewalt, auf die die Intendanten der ARD jetzt mit einer Entziehungskur reagierten: 1978 werden zunächst 39 Krimi-Termine gestrichen, überwiegend am Donnerstag und am Sonntag, und auch am beliebten „Tatort“ soll künftig weniger Gewalt herrschen. Den „Soft-Krimi“ fordert der neue ARD-Programmdirektor Dietrich Schwarzkopf.

Daran, daß exzessive Gewalt-Darstellungen im Fernsehen einen schädlichen Einfluß auf die Zuschauer, zumal auf Jugendliche, ausüben, kann nach den ausführlichen wissenschaftlichen Untersuchungen der letzten Jahre kaum noch gezweifelt werden. Bildschirm-Brutalität stumpft ab gegen die Brutalität der alltäglichen Existenz. Gerade die hirnlosen, zynischen amerikanischen Krimi-Importe à la „Superstar“, „Die Straßen von San Franzisko“ und „Starsky & Hutch“, in denen sich Gewalt-Szenen vom Tritt in den Unterleib bis zum gezielten Todesschuß mit beiläufiger Selbstverständlichkeit abspielen, bereiten den Boden für ein gefährliches Klima der Unsicherheit und Angst, in dem leicht der Ruf nach starken Männern laut wird. Wie Gewalt entsteht und wie man lernen könnte, sie zu überwinden (außer durch noch brutalere Gegengewalt), wird in diesen Produkten nicht erörtert. Um sie also ist es gewiß nicht schade, auch wenn man sie wohl auch weiterhin ertragen muß: Denn was die eher skrupulöse ARD ablehnt, hat bislang immer noch das ZDF gekauft – „Starsky & Hutch“ zum Beispiel.

Ganz froh wird man der Aktion „Sauberer Krimi“ im Ersten Kanal indessen nicht. Denn die Gefahr deutet sich an, daß Schwarzkopfs weiche Welle mit einer solchen deutschen Gründlichkeit realisiert werden könnte, daß nicht nur Spaß und Spannung, sondern auch die Realität auf der Strecke bleibt. Krimi ohne Gewalt: Das ist wie Oper ohne Musik. Wenn nur noch liebe Onkel auf dem Bildschirm agieren, büßt die Gattung ihre Existenzgrundlage ein. Und Gewalt zu verniedlichen ist fast so schlimm wie sie stumpfsinnig zu übertreiben: An verlogener Idyllik herrscht schon jetzt kein Mangel im Programm.

Die Frage also darf nicht lauten: Gewalt oder Verzicht auf Gewalt? Wichtig ist nur die Art ihrer Darstellung. Und dabei helfen weniger Leichen-Statistiken (mit einer willkürlich gewählten Zahl als Limit) und optische Tabus als präzis und einleuchtend dargestellte Grundlagen und Motivationen von Gewalt: durch welche Voraussetzungen sie entsteht. Dies betrifft nicht nur den Fernseh-Krimi, den Fernsehfilm, sondern auch den Film im Fernsehen, von Viscontis „Rocco und seine Brüder“ über Bergmans „Schande“ bis zu Kubricks „Uhrwerk Orange“. Sollen solche und ähnliche Filme in Zukunft im Fernsehen geschnitten und „entschärft“ werden? Manches deutet schon jetzt darauf hin, daß die Schere der Märchenonkel nicht nur auf debile Spekulationsobjekte angesetzt wird. Würde sich dieser Verdacht erhärten, hätten wir demnächst Zustände wie in den USA, wo der Regisseur Otto Preminger bis zum Obersten Gerichtshof in Washington gehen mußte, um eine ungekürzte Fernseh-Ausstrahlung seines Films „Anatomie eines Mordes“ zu erstreiten.

Anatomie eines Mordes, das komplizierte Verhältnis zwischen Täter und Opfer, die Beschreibung des sozialen Umfelds: Daran fehlt es auch und gerade im deutschen Fernseh-Krimi, auch wenn sich einige Beiträge der „Tatort“-Reihe vorteilhaft von der Fließband-Sterilität eines „Derrick“ oder eines „Alten“ abheben. Mit einem pauschalen Gewalt-Verzicht allein kommen wir da nicht weiter, wohl aber mit besseren Drehbüchern und sorgfältigeren Inszenierungen. Die allerdings lassen sich von keiner Programmkonferenz verordnen.

Schließlich: Auch im Krimi muß es nicht immer Mord sein, der in den einschlägigen Statistiken ohnehin nur eine untergeordnete Rolle spielt. Ein saftiges Wirtschafts-Verbrechen zum Beispiel würde mit Sicherheit ebenfalls ein spannendes, vielleicht sogar komisches Spektakel abgeben. Ganz ohne Blut und Blei.

Hans C. Blumenberg