Nach dem Coup in Kabul: Die Angst der Nachbarn vor dem nächsten Umsturz

Von Andreas Kohlschütter

Kabul im Juli

Das westliche Bedrohungsbild des revolutionären Afghanistan stützt sich weithin auf iranische, auch pakistanische Feindbilder. Die jedoch müssen mit Vorsicht genossen werden. Denn beide Staaten wollen auf künstlich entfachten afghanischen Feuern ihre eigene Suppe kochen.

Teheran und Islamabad wurde durch den Regimewechsel in Kabul ein Strich durch ehrgeizige, private Rechnungen gemacht. Der Schah sieht sein ebenso grandioses wie unrealistisches Großprojekt einer südasiatischen „Stabilitäts- und Prosperitätszone“ in Frage gestellt, die – möglichst unter persischer Flagge – bis nach Indonesien und Australien ausufern sollte. Die große Rolle, die er sich für den Iran ausgedacht hat, die eines politischen Scharniers zwischen Nahem Osten, Golf und Südasien, kann er nicht voll ausspielen, solange Indien und Afghanistan ihre Bindungen an Moskau nicht kappen und die Stabilität Pakistans nicht gewährleistet ist.

Beide, der Schah in Teheran und General Zia ul Haq in Islamabad, glaubten, daß Präsident Daud – was er gar nicht unbedingt vorhatte – zu solchen Wünschen seine Hand bieten würde. Daß er zu überzeugen sei, sich von Moskau zu distanzieren und die von Kabul angefochtene Durand-Grenzlinie zwischen Afghanistan und Pakistan, die quer durch das Siedlungsgebiet der afghanischen Paschtunen-Stämme läuft, ein für allemal anzuerkennen. Für den Schah wäre dies ein zentraler Baustein seiner regionalen Gegenkonzeption zum sowjetischen Projekt eines „kollektiven Sicherheitssystems in Asien“ gewesen, für den General ein dringend benötigter Erfolg, mit dem er sein glückloses Image hätte aufpolieren können. Beide wurden sie enttäuscht. Daud zagte und zögerte trotz massiver iranischer Hilfsgeldköder und trotz Freilassung der in Pakistan inhaftierten Paschtunen-Führer. Und was Daud nicht tat, das werden auch die afghanischen Nationalrevolutionäre, die ihn stürzten und ihm „Neutralitätsverrat“ vorwarfen, so schnell nicht tun.

Jetzt hat der Coup in Afghanistan die Führung im Iran und in Pakistan nicht nur enttäuscht und verbittert, sondern sie auch verunsichert. Sie fürchten, das afghanische Exempel könnte in ihren eigenen Wänden Schule machen. Persien wird durch immer neue, innenpolitische Unruhestöße erschüttert, der Schah sieht sich von der schwersten Krise in den 25 Jahren seiner Regentschaft bedroht. „Nieder mit dem Schah“, brüllt die aus Universitäten, aus dem Basar und aus den Moscheen zusammengelaufene Oppositionsfront. „Niemand kann mich stürzen“, meint der Herrscher. Doch er ist verwundbarer, druckempfindlicher geworden. Und aus dem seine Gegner inspirierenden, revolutionären Afghanistan kommt neuer, deprimierender Druck auf ihn zu. Den will er schwächen, die Argumente seiner Opposition entkräften – besonders den Vorwurf, er verschwende kostbare Ölgelder für sinnlose Aufrüstung – durch Anfeuerung von wilden Kommunisten- und Afghanistan-Ängsten.