Von Hans-Jakob Stehle

Rom, im Juli

Draußen schwenkten junge Leute für den alten Herrn begeistert rote Fahnen mit Hammer und Sichel. Drinnen im Parlamentsgebäude waren Gardekürassiere in Helm und Federputz aufgezogen, festliche Samtbehänge mit Trikolorenbündeln zierten den Sitzungssaal, wo Sandro Pertini, der neue Präsident der italienischen Republik den ersten, ganz unzeremoniellen Beifall von rechts bis links erntete, als er sagte: „Wenn man mir, einem Sozialisten von jeher, die radikalste soziale Reform um den Preis der Freiheit anböte, würde ich das zurückweisen, denn die Freiheit kann niemals Gegenstand eines Tauschhandels sein.“

Warum aber hatte es eines zehntägigen, wenig würdevollen Kuhhandels und sechzehn quälender, bis zuletzt aussichtsloser Wahlgänge bedurft, um einem Manne dieser politischen Statur dann plötzlich doch die größte Mehrheit (84 Prozent) in Italiens Nachkriegsgeschichte zu verschaffen? Nur weil der bald 82jährige eben nicht schwach und senil, sondern voll rechtschaffenen, fast jugendlichen Eigensinns ist? Weil die Einigung auf ihn keiner Partei eine echte Siegerpose, allen jedoch das Gesicht zu wahren erlaubte? Oder aber weil jene Lähmung, die in den Monaten der Moro-Entführung die gewandte Biegsamkeit italienischer Politiker in bleierne Standfestigkeit verwandelte, ihnen schließlich auch die Lust am politischen Spiel einer Präsidenten-Wahl verleidete?

„Welch ein Vakuum hat Aldo Moro in seiner Partei und in diesem Parlament hinterlassen! Wäre er nicht grausam ermordet worden, spräche nicht ich, sondern er von dieser Stelle heute zu euch.“ Mit diesem noblen, aber auch freimütigen Satz seiner Antrittsrede vom 9. Juli deutete Pertini eine weitere Wahrheit an: Ohne viel Zögern hätten sich die größten Parteien, Christdemokraten und Kommunisten schon am Tage nach dem Rücktritt von Staatspräsident Leone auf einen Nachfolger einigen können, nämlich auf den Christdemokraten Zaccagnini, den glaubwürdigsten Nachlaßverwalter Moros. Und warum hätten sich die Sozialisten und die kleineren Linksparteien, die ohnehin im Regierungsbündnis mit Christdemokraten sind, einer solchen Wahl versagen sollen?

Auch die Kommunisten, die von einem langen Präsidenten-Wahlkampf nichts als eine Gefährdung der Regierungskoalition Andreottis und damit ihres eigenen Machtanteils zu erwarten hatten, waren bereit, alsbald Zaccagini auf den Schild zu heben. Doch die Democrazia Cristiana winkte ab. Nicht nur, weil sie ihren, nach Moro verwaisten, von neuem Familienzwist bedrohten Zustand die Vaterfigur Zaccagninis nicht entbehren kann, und weil jeder andere Christdemokrat als Präsidentschaftskandidat ihre innerparteilichen Rivalitäten aufgewühlt hätte, sondern vor allem, weil ja ein anderer Klotz in den Weg gelegt wurde.

Der sozialistische Parteichef Craxi verkündete als unabänderlichen Entschluß, seine Partei beanspruche für sich das höchste Staatsamt, sie werde nur für einen Sozialisten und niemanden anderen stimmen; er bot auch gleich eine Handvoll Kandidaten an, unter denen sich freilich Pertini, der ehemalige Präsident der Abgeordnetenkammer, erst an letzter Stelle fand.