Packen Sie sich eine lange Unterhose ein“, warnte der Pächter. Es könne auch mitten im Sommer zugig sein, ja richtiggehend kalt werden. Dabei erwartete mich ein heißes Wochenende: Samstag, 1. Juli. In Belgien begannen Ferien, und in Holland, und in Nordrhein-Westfalen. Die Polizei rechnete mit dem Schlimmsten, die Tankstellenpächter entlang der Autobahnen mit dem besten Geschäft seit Jahren. „Sollen sie kommen, wir packen das schon“, sagte der Verwalter beim Einstellungsgespräch. Vier Tage später trat ich meinen Dienst an – als Hilfstankwart der Tankstelle Medenbach, Autobahn Köln–Frankfurt.

6.05 Uhr. Ich komme fünf Minuten zu spät. Urlaubsverkehr. Hans Hennebold, der Chef, schaut auf die Uhr. „Das ist ein feiner Anfang.“ Ich steige in den schwarzen Tankwartsanzug, die warme Unterhose ist nicht nötig. Regnerisches Wetter, doch das Thermometer klettert, jetzt Ist’s schon bei 15 Grad. Der Chef erläutert die Taktik: „Großen Zirkus mit Ölwechseln Und so machen wir heut’ nicht.“

6.10 Uhr. Mein erster Kunde kommt aus Holland. In dem Datsun Cherry sitzen fünf Leute. Tonnenweise Gepäck auf dem Dach. „Holländer geben kaum Trinkgeld“, sagt Bodo, der Kollege, mit dem ich die Zapfsäule teile.

Trotzdem tanke ich voller Eifer den Wagen auf, wische liebevoll die Scheiben, bin freundlich („Ist in Holland auch so schlechtes Wetter?“) und zuvorkommend wie sonst nur beim Zahnarzt. „Auf Wiedersehn“, sagt der Mann aus Holland und drückt mir tatsächlich eine Mark in die Hand. Bodo staunt. Freilich blieb er auch der letzte Niederländer, der ein Trinkgeld rausrückte.

7 Uhr. Ungefähr zwanzig Autos habe ich her tankt, vielleicht 15 Scheiben poliert, einmal Öl nachgefüllt, seither habe ich eine Blase am Mittelfinger. Trinkgeldsumme: 1,75 Mark. Die Autos stauen sich jetzt langsam, sechs, sieben, aber nie mehr als acht hintereinander. Vier Zapfpistolen schnappen unentwegt ins Schloß, Bodo, Dirk, Ivan, Hennebold und ich wechseln jetzt kein Wort.

Gestern nacht hat die Tankstelle 14 000 Mark eingenommen. Heute können es noch mehr werden. Die Tankwarte fuchteln. Ich fuchtle. „Los, vorfahren“, bedeuten unsere Freiübungen. Ein Ford Transit, rostrot, verbeult, fährt zackig vor. „Drivers Band“: steht über dem verknautschten Kotflügel.. „Volltanken, Öl prüfen, Luft, prüfen, Wasser nachschauen“, lautet straff die Order. Bodo knurrt: „Öl wechseln, Außenwäsche, Innenwache, Abschmieren, Vorfahren.“ Trotzdem: Wir tun wie geheißen, eine Mark Trinkgeld immerhin. Eine Suzuki ist dran. Fünf Liter passen rein. Gut anderthalb Liter tanke ich dem Piloten im Ungeschick über die Hosenbeine. „Never mind“. Engländer. Das lob ich mir. Feine Reaktion, wirklich.

Wieder rollt ein Datsun Cherry vor. Er schluckt wie der erste nur portionsweise, weil die Zuleitung zum Tank wie ein Dickdarm verlegt ist. Kaum hat er ein paar Tropfen intus, macht er kleine Bäuerchen, und ich habe das Benzin über den Hosenbeinen. Gibt’s noch mehr Autos mit Schluckbeschwerden? Ivan warnt routiniert: „Simca, Peugeot.“