Von Nina Grunenberg

Düsseldorf, im Juli

Im selben Saal des Düsseldorfer Oberlandesgerichts, in dem vor drei Jahren dem Kanzlerspion Günter Guillaume der Prozeß gemacht wurde, ist jetzt Renate Lutze, die 38jährige ehemalige Chefsekretärin aus dem Wirklichkeitsnisterium, des schweren Landesverrats angeklagt. Mit mehr politischem Kalkül als Wirklichkeitssinn hatte die Opposition versucht, aus ihr eine Femme fatale zu machen, in deren Händen ihr Chef, der Leiter der Sozialabteilung Herbert Laabs, zu Wachs geworden sei. Wer sie sieht, kann sich dies kaum vorstellen: ein dunkler Krauskopf, im Gesicht die Blässe von zwei Jahren Untersuchungshaft, mal deprimiert, mal von aufgeregter Lustigkeit – Renate Lutze findet ihre Rolle als Angeklagte nicht. Wichtiger als Schuld oder Unschuld scheint ihr zu sein, die fünf Richter davon zu überzeugen, daß ihr Mann sie stets geliebt hat und noch heute liebt.

Lothar Lutze, ein Jahr jünger als seine Frau, ist die Schlüsselfigur in diesem Spionagefall. Er war seit 1966 im Verteidigungsministerium beschäftigt, zuletzt als Verschlußsachbearbeiter. Durch die Aufzeichnungen, die er sich „wie ein Kaufmann“ machte und in denen er sogar die Rückfragen aus Ostberlin vermerkte, ist der Umfang des objektiven Verrats weitgehend bekannt. Als die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Dezember 1977, anderthalb Jahre nach der Festnahme der Lutzes, Einzelheiten darüber veröffentlichte, geriet das politische Bonn in helle Aufregung. Die mutmaßlich ausspionierten Dokumente betrafen: Erkenntnisse über die Weiterentwicklung der Bundeswehrstruktur; Unterlagen über die lang-, mittel- und kurzfristige Bundeswehrplanung; die militärischen Zustandsberichte der Bundeswehr der Jahre 1972 bis 1974; die Auswertung der streng geheimen Nato-Stabsrahmenübung „Winter“ 1975, insbesondere die dabei zutage getretenen Mängel; die Analyse der Feindlage, durch deren Verrat die DDR erfuhr, inwieweit die Bundeswehr über Stärke, Ausrüstung, Dislozierung sowie Planungen und Mängel der Streitkräfte des Warschauer Pakts informiert war; die Alarmplanung der Bundeswehr.

Zur Dimension des Verrats sagte Conrad Ahlers, Berichterstatter im Parlamentarischen Untersuchungsausschuß: „Politisch war Guillaume der schwerere Fall, schließlich hat er einen Kanzler gestürzt. Aber von der Bedeutung des Fall rats ist der Fall Lutze der zweitschwerste Fall nach Felfe.“

Auf der Anklagebank sitzen neben den (alias das Ehepaar Frank und Christine Gerstner Jahre Wuchert) aus Karl-Marx-Stadt, 37 und 36 Jahre alt. Während der ersten dreizehn Verhandlungstage haben sie den Mund noch nicht aufgemacht, es sei denn, sie flüstern mit ihren Anwälten, denselben, die schon Guillaume verteidigten. Die Gerstners „führten“ – wie der terminus hielten die heißt – die Hardthöhen-Spione und hielten die Verbindung zur DDR.

Das dritte Paar und zugleich das schwächste Glied, erst im Agentenring auf der Hardthöhe und nun auf der Anklagebank, sind der Angestellte Jürgen Wiegel (32) und seine inzwischen von ihm geschiedene Ehefrau Ursula (34). Sie sind die einzigen, die sich bislang zum Tatvorwurf ausführlich äußerten und plastisch illustrierten, daß die Größe des Verrats im umgekehrten Verhältnis zur Statur der Angeklagten steht. Jürgen Wiegel, ein Vorstadt-Casanova wie er im Buche steht, immer in Geldverlegenheit, spionierte schon für einen Tausender im Monat plus Spesen. Das erste, was er sich davon zulegte, war ein „Alfa“, das Auto, das auch Lothar Lutze fuhr. Die beiden kannten sich aus gemeinsamen Kindertagen in Bad Kreuznach. 1969 wurde Wiegel beim Bundesgrenzschutz eingestellt. 1972 wechselte er ins Verteidigungsministerium und war dort zuerst Hilfssachbearbeiter im Personalreferat, später im Verwaltungsreferat. Dort begann er Verschlußsachen zu „verwalten“.