Von Eberhard Greiser

Liest man Berichte oder technische Reports der Weltgesundheitsorganisation aus den Gebieten der Sozialmedizin, Epidemiologie oder Gesundheitsökonomie, so fällt eine gemeinsame Eigenschaft aller dieser Publikationen auf: Wissenschaftler aus der Bundesrepublik sucht man in der Reihe der Autoren oder Mitarbeiter meist vergebens. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer jahrzehntelangen Fehlentwicklung in der Medizinwissenschaft, Symptom der katastrophalen Vernachlässigung dieser Forschungsdisziplinen.

So ist es kein Wunder, daß im Gegensatz zu den USA die Sterblichkeit an kardiovaskulären Erkrankungen bei uns noch kräftig ansteigt. In der Bundesrepublik fehlen bislang simple Statistiken, die die Häufigkeiten der wesentlichen Krankheiten zeigten. Niemand vermag hier Bevölkerungsgruppen mit besonders hohem Risiko anzugeben. Konzepte für die Verhütung von Krebserkrankungen und Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems wurden in den skandinavischen Ländern, in Großbritannien, den Niederlanden oder den USA entwickelt – nur nicht in der Bundesrepublik. Die Lebenserwartung der männlichen Bevölkerung hat sich hier in den letzten zwanzig Jahren kaum verändert (Frauen sterben dagegen weniger häufig), trotz ständig steigender Kosten unseres Gesundheitswesens. Über dessen Effizienz kann mangels detaillierter Untersuchungen auch niemand eine fundierte Aussage wagen. Über die Ursachen des Kostenanstiegs läßt sich allenfalls spekulieren. Denn trotz einer immensen Datenfülle etwa bei den Krankenkassen oder den Rentenversicherungen existieren kaum verläßliche Aussagen über Funktionen und Zusammenhänge des Gesundheitssystems, das mittlerweile zehn Prozent des Bruttosozialprodukts kostet.

Bemerkenswerte Pläne

Das könnte sich in absehbarer Zeit ändern. Die Bundesregierung hat nämlich am 20. Juni ein mittelfristiges Programm zu Forschungsförderung verkündet, das in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert ist:

  • Zum erstenmal haben sich drei Bundesministerien (Gesundheit, Arbeit, Forschung und Technologie) zu einem gemeinsamen Programm zusammengerauft. Es soll koordiniert gefördert, also auch gemeinsam finanziert werden. Damit entfällt die von manchen Wissenschaftlern in der Vergangenheit geschätzte Möglichkeit, sich bei geschicktem Taktieren Projekte von verschiedenen Ressorts gleichzeitig bezahlen zu lassen.
  • Schwerpunkte des mit fast einer halbe Milliarde Mark für fünf Jahre ausgestatteten Programms sind Verhütung und Früherkennung der häufigsten Zivilisationskrankheiten. Damit deutet sich eine Abkehr von den bisherigen mehr technisch ausgerichteten Programmen (Medizintechnologie, Datenverarbeitung im Gesundheitswesen) an.
  • Das Programm ist in einem quasi-demokratischen Prozeß entstanden: Ein Diskussionsentwurf wurde vor zwei Jahren vor allem der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorgestellt. Wissenschaftler, die darin zunächst einen besonders raffinierten Wahlkampftrick, sahen – im Herbst 1976 standen Bundestagswahlen an –, wurden in der Folge eines Besseren belehrt: Vorschläge der medizinischen Fachgesellschaften führten zu sinnvollen Veränderungen des Konzepts.

Der auf mehr als 100 Seiten formulierte Programmentwurf ist freilich so ambitioniert, daß fraglich erscheint, ob auch nur ein Bruchteil der angeschnittenen Forschungsprobleme mit den zur Verfügung stehenden 451 Millionen Mark bewältigt werden kann.