Ich will mich nicht einem System beugen, das sich nur durch totalitäre Bewußtseinsmanipulation, durch Bespitzelung von (Anders-) Denkenden, durch Erpressung und Verleumdung an der Macht halten kann.“ So stand es am 31. März in der ZEIT, am Schluß eines langen Textes, den der zweiundzwanzigjährige Ost-Berliner Wehrdienstverweigerer Nico Hübner wenige Tage vor seiner Verhaftung in den Westen gesandt hatte. Dieses Dokument, entlarvende und für das Regime nahezu tödliche Gedanken eines jugendlichen Oppositionellen in der DDR, ist ihm jetzt als staatsfeindliche Hetze, der Schriftwechsel ins freie Deutschland als staatsfeindliches Sammeln von Nachrichten ausgelegt worden.

Fünf Jahre Haft für einen jungen Christen, der es in der spießbürgerlichen Enge und geistigen Ode des SED-Staates nicht mehr aushielt – wie schwach, wie furchtsam muß ein Regime sein, das mit Terrorurteilen wie gegen Nico Hübner und Rudolf Bahro dem Volk das Denken abgewöhnen will? Seine Tugendwächter scheren sich weder um die Empörung in Bonn noch um die Vorbehalte der Alliierten. Was die sowjetischen Genossen mit den Prozessen gegen die Dissidenten Schtscharanskij und Ginsburg im großen vorexerzieren, befolgen die Ost-Berliner Konformisten im kleinen. Sie wollen vorbildliche Marxisten sein und sind doch nur lächerliche kleine Metternichs, denen nichts Besseres einfällt, als alle Gedanken einzusperren. Doch Gedanken können auch Kerkermauern sprengen. kj