ZDF, Donnerstag, 20. Juli, 22.05 Uhr: "Video 50", von Robert Wilson

Sein längstes Stück dauerte einen Tag und eine Nacht lang, sein berühmtestes (die Oper "Einstein on the Beach") fünf Stunden. Jetzt hat der Amerikaner Robert Wilson, der Erfinder der längsten und langsamsten Theaterstücke der Welt, zum erstenmal für das Fernsehen gearbeitet – und hat die vermutlich kürzesten und kurzweiligsten Szenen gedreht, die das Fernsehen in diesem Sommer unseres Mißvergnügens zeigt.

"Video 50": das sind fünfzig Episodenfilme, fünfzig Miniaturdramen, viele davon in mehreren Akten, jeder Akt genau dreißig Sekunden lang. Fünfzig Geschichten, die aber nicht ordentlich hintereinanderhererzählt werden, sondern in chaotischer (vielleicht auch mathematischer) Folge. "Video 50": das ist im Unterhaltungs-Großbetrieb Fernsehen, wo alle Geschichten einen Anfang und ein Ende haben müssen, einen Inhalt und eine tiefere Bedeutung, wo es für jedes Rätsel eine Lösung gibt, für jede Unordnung einen, der aufräumt (ob der nun Kommissar heißt oder Moderator), eine befreiend zweck-lose, also heitere Veranstaltung. Robert Wilson, der am heftigsten angeschwärmte und am aussichtslosesten interpretierte Theaterkünstler der Gegenwart, ist also nicht nur ein Mann der unerforschlichen Geheimnisse – der Guru ist auch ein Entertainer.

"Video 50", erste Episode: ein Wasserfall, dröhnendes Rauschen, leise, scheppernde Klaviermusik. Hoch über den Wassermassen, auf einem Felsvorsprung, ein schwarz gekleideter, regloser Mann. Zweite Episode: ein düsteres Zimmer, im Sturmwind wehende Gardinen. Dritte Episode: Großaufnahme eines Telephons, das klingelt. Vierte Episode: eine Filmmusik braust auf, wie für ein Musical, Auftritt einer schönen Dame im blutroten Gewand. So, etwa, fängt es an. Simple, wortlose Pantomimen, so konzentriert ereignislos, daß man das Herannahen großer Ereignisse förmlich spürt. Robert Wilson hat da ein Spannungsprinzip des Actionfilms radikal weitergedacht: erregend sind ja nicht so sehr die dramatischen Höhepunkte (die Raufereien, Schießereien), sondern deren scheinbar undramatische Vorspiele; nicht die Katastrophe, sondern das Warten auf die Katastrophe. Gary Cooper, wie er in "High Noon" durch die verlassenen, lautlosen Straßen geht, seinen Feinden entgegen.

Banale Szenen: ein Mann dreht eine Glühbirne an, ein anderer zieht sich eine Lederjacke übers buntkarierte Hemd, ein dritter legt sich einen Eisbeutel auf den Kopf. Großaufnahmen: ein sich langsam öffnendes Auge, das verängstigte, starre Gesicht eines Säuglings. Jede Sequenz dreißig endlose Sekunden lang: indem Wilson alltägliche Bilder vergrößert, zeitlupenhaft verlangsamt, verwandelt er ihre Banalität in Magie. Je konzentrierter er die Dinge ansieht, desto unbegreiflicher werden sie. Woraus umgekehrt eine Lehre wird: begreifbar, in Sätze, Erklärungen, Ideologien auflösbar ist die Realität nur für den, der nicht so genau hinsieht.

Viele Katastrophenfilme, Bruchstücke davon, kann man in "Video 50" entdecken: ein schwarzer Schatten nähert sich langsam dem Telephon, eine Frau steht einsam, mit wehenden Haaren, flatterndem Kleid, in einer finsteren Gewitterlandschaft.

Ein düsteres Stilleben: ein Tisch mit Kerzen, Früchten, schwerem silbernen Geschirr. Langsam wird auf das Bild mit roten Buchstaben ein Wort gemahlt: DANGER.