Karl Klasen war von Januar 1970 bis Mitte 1977 Präsident der Deutschen Bundesbank, der „Hüterin der Währung“. Gerd Bucerius fragte ihn nach seiner Meinung zum Bremer Gipfel.

Klasen: Ich habe mit Spannung den Bremer Gipfel verfolgt, besonders die Dinge, die die Währungspolitik betreffen. Über wirklich reale Fortschritte hin zur Währungsunion würde ich mich stets freuen. Trotzdem muß ich gestehen: Der Beschluß, der mir in Bremen am besten gefallen hat, ist: auf diesem Gebiet keine endgültige Entscheidung zu treffen, sondern die Einzelheiten in Ruhe auszuarbeiten. Und da hoffe ich, daß man äußerst vorsichtig zu Werke geht.

G. B.: Ist der Gipfel nicht doch ein Fortschritt? Klasen: Wir dürfen uns keine Illusionen machen. Wir sollen zunächst einmal einen großen Teil unserer Währungsreserven opfern; ein großes Opfer. Wir sind mit den Währungsreserven bisher sorgsam umgegangen. Auf sie unter anderem stützt sich unsere wirtschaftliche Bedeutung in der Welt. Sie geben uns Sicherheit gegenüber kritischen außenwirtschaftlichen Entwicklungen. Es ist uns hart geworden, diese Reserven anzusammeln. Wenn man sie opfert, muß man sicher sein, damit einen dauerhaften Erfolg zu erzielen.

G. B.: Bringt ein Fonds nicht stabilere Währungsverhältnisse?

Klasen: Es gibt zwei Auffassungen. Die einen lehnen den Zusammenschluß ganz ab, bevor sich nicht alle Beteiligten im währungspolitischen Gleichschritt bewegen. Die anderen meinen zwar, man müsse es schon vorher machen, denn sonst komme es nie dazu; die neue Organisation zwinge dann zum Gleichschritt. Dieser zweite Weg ist natürlich der phantasievollere, aber auch der risikoreichere. Deshalb meinen selbst seine Anhänger, daß man ihn nur gehen könne, wenn der Unterschied der Inflationsraten nicht zu groß ist und – noch wichtiger – wenn alle Mitglieder den festen Willen und die politische Fähigkeit haben, den Zwang durch diese neue Organisation auch zu ertragen und die entsprechenden Maßnahmen in ihrem Lande durchzuführen. Bisher scheint von den großen Ländern, die der Schlange nicht angehören, nur Frankreich zu diesem Risiko bereit.

G. B.: Hat Frankreich die Inflation schon im Griff?

Klasen: Bis jetzt keineswegs. Aber sie wird dort energisch bekämpft.