Von weitem sieht’s aus wie eine Gaukelei des Lichts, eine Fata Morgana am Rand der Pockinger Heide: Eine Oase mit weißen Häusern, Baumalleen, Blumen und Wasserspielen wächst da plötzlich aus der kargen Schotterebene. Die Vision löst sich beim Näherkommen jedoch nicht auf, sondern gewinnt Kontur. Im armen niederbayerischen Ackerland, unweit der österreichischen Grenze, steht eine Hotelstadt mit Cafeterrassen und Parkanlagen, als hätte der liebe Gott von Mamaia und Eforie zu knapp gezielt: Bad Füssing.

Dort wandeln auf Kieswegen und Zebrastreifen weißhaarige Damen und Herren (Altersdurchschnitt: 61 Jahre), ein wenig gichtgekrümmt mitunter, doch gespeist von der Hoffnung, in den heißen Wassern am Ort Genesung oder Linderung von rheumatischen Qualen zu finden. Kurdirektor Heinz Egginger: „Es gab Kurgäste, denen der Arzt prophezeit hatte, daß sie ein Jahr später im Rollstuhl säßen – und zehn oder mehr Jahre danach laufen sie noch immer putzmunter durch die Gegend.“

Bad Füssing mit drei Thermen zur Behandlung von Lähmungen, Neuralgien, Bandscheibenschäden, Arthrosen und vor allem rheumatischen Erkrankungen ist der jüngste und erfolgreichste Heilkurort in Bayern, zudem der einzige, der mit Gewinn wirtschaftet und von der Rezession von 1976 nicht betroffen wurde – im Gegenteil: Von 1976 zu 1977 erhöhten sich die Übernachtungszahlen um vierzehn Prozent.

Die wirtschaftlichen und therapeutischen Erfolge der Gemeinde, die als Bad noch nicht zehn Jahre existiert (Prädikat: 1969) und bis dahin auch von Kartographen kaum zur Kenntnis genommen wurde, grenzen ans Wunderbare. Die Gründe für die atemberaubende Entwicklung vom Weiler zum Weltbad faßt der Kurdirektor in die Kurzformel: „Die heißen Wasser und die Flüsterpropaganda,“

Bad Füssing ist entstanden wie ein Goldgräberdorf. Vor dem Zweiten Weltkrieg war es ein Weiler mit sechs Höfen und 38 Einwohnern. Die Voraussetzung für ein Bad schuf die Bayerische Mineralöl Industrie im Auftrag des Deutschen Reichs. Die Gesellschaft (BMI) suchte Erdöl und bohrte in der Tiefe von etwa tausend Metern eine heiße Quelle an (Kochsalz-Schwefel-Therme, Druck: 5,2 atü, Temperatur: 56 Grad, Schüttung: 3000 Liter pro Minute). Damals wurde jeglicher Badebetrieb untersagt, weil Konkurrenz für die Bäder Böhmens unerwünscht war. Die Geschichte des Bads begann so erst Anfang der fünfziger Jahre mit einer Baracke als Badenaus, einem provisorischen. Schwimmbecken und Zementrohren als Sitzbadewannen. Badegäste waren Bauernburschen und Neugierige, die rätselten, wozu das Thermalwasser wohl gut sei. Es gab neun Fremdenbetten.

Dann setzte im Barackendorf am dampfenden Wasserloch der beispiellose Aufschwung ein – 1957: 480 Betten, 4500 Kurgäste, 48 000 Übernachtungen; 1967: knapp 2000 Betten, rund 20 000 Gäste, 400 000 Übernachtungen; 1977: über 8000 Betten, 76 000 Gäste, über 1,5 Millionen Übernachtungen (bei durchschnittlicher Aufenthaltsdauer von 20 Tagen). Der Emporkömmling Füssing schickt sich an, den erfolgreichsten bayerischen Bädern (Kissingen und Reichenhall) den Rang abzulaufen. Die Gemeinde zählt heute 6000 Einwohner, die ausnahmslos von der Kur leben. Es gibt vierzig Hotels, davon etwa dreißig mit Schwimmbädern und elf mit Thermalwasser, insgesamt 240 Beherbergungsbetriebe.

Inzwischen sind zwei weitere Thermalquellen erbohrt worden. Die erste und älteste (Therme I mit Kurmittelhaus) verkaufte der Bayerische Staat für 420 000 Mark an eine Privatgesellschaft, die zweite (Therme II mit modernem Kurmittelhaus) gehört dem Zweckverband Bad Füssing, an dem der Bezirk Niederbayern mit 65, der Landkreis Passau mit 30 und die Gemeinde mit fünf Prozent beteiligt sind. Die Klinik Johannesbad (Therme III) gehört wiederum dem Arztehepaar Zwick (500 Betten).