Nicht nur die Strafen, auch die Urteilsgründe machen den Spruch im Entführungsfall Wessel zum Problem

Ein Zeichen wollte die Größe Strafkammer 13 beim Hamburger Landgericht setzen. Die Verteidigung der Rechtsordnung machte sie sich zur Pflicht. Generalprävention ging ihr über Spezialprävention. Sie schickte die Angeklagten Hans-Jürgen Wilsdorf (27) und Jürgen Petersen (25) für zehn und neun Jahre hinter Gitter.

Wilsdorf und Petersen, so sah es das Gericht, hatten im Oktober 1977 in Hamburg den viereinhalbjährigen Felix Wessel entführt, ihn in einen Kriechkeller unter einer Autowerkstatt (der Vorsitzende, auch er heißt Petersen: „ein komfortabler Sarg“) gesperrt und von der Mutter des Jungen eine Million Mark erpreßt. In der Hauptverhandlung hatten sie nicht nur die Stirn gehabt, über den Verbleib des Geldes eine unglaubwürdige Geschichte zu erzählen (es sei ihnen, sagten sie, aus einem abgestellten Auto gestohlen worden); sie versuchten auch der Wahrheit zuwider, der Mutter des kleinen Felix, der fünfundzwanzigjährigen Christiane Wessel, Mittäterschaft anzuhängen (DIE ZEIT, Nr. 27/1978).

Für die Staatsanwältin Sieglinde Wolf bedeutete dies, Christiane Wessel „Vollidiotie“ zu unterstellen, denn das Geld, das erpreßt wurde, gehörte ihr, wenn sie es – dank einer Erbschaftsregelung – auch nicht jederzeit greifbar hatte.

Die Verteidiger Eckhardt Klitzing, Andreas Holtfreter und Leonore Gottschalk-Solger trauten Frau Wessel dagegen jede Unvernunft in Gelddingen zu. Sie dividierten den Vorwurf des gemeinschaftlichen Menschenraubes und der räuberischen Erpressung auf das Vortäuschen einer Straftat und auf Nötigung (des Vermögensverwalters) herunter. Sie verwiesen immer wieder darauf, daß die Angeklagten das Wohlbefinden Felix Wessels über die eigene Sicherheit gestellt hatten. Und sie warnten davor, die Schuld der Angeklagten überzubewerten, weil dies in die kriminalpolitische Landschaft passen mochte.

Tatsächlich erschreckte in der Hauptverhandlung eher die Naivität als die Brutalität der Angeklagten. Sie hatten Schlimmes getan, ohne es wirklich böse zu meinen. Was dann aber in den Zeitungen stand – wie sollte es anders sein –, sah böse aus.

Daran ist das Urteil zu messen: Was bedeuten zehn Jahre Freiheitsentzug für Wilsdorf und neun Jahre für Petersen? Auch das Gericht sah, daß ihnen die Haft mehr zu schaffen machen wird als anderen Angeklagten. Sie sind keine hartgesottenen Kriminellen, sie gehen als dumme Jungen in den Knast. Die Prognose, wie sie wieder herauskommen werden, berechtigt zu keiner Hoffnung: Sie werden kaputt, nicht „gebessert“ sein.