Von Viola Roggenkamp

Lübeck

Sie saßen gerade beim Abendbrot, der ehemalige Steuermann-Gefreite vom Troßschiff "Kärnten", Günther K., 57 Jahre alt, und seine Frau. Nachrichtenzeit im Fernsehen. Neue Meldungen aus Baden-Württemberg über den CDU-Ministerpräsidenten Hans Filbinger und die von ihm als Marinerichter während des Krieges verhängten Todesurteile.

"Der müßte, sag’ ich so zu Ursel, doch auch den Marinerichter Gaul kennen. Und da ererscheint der auf dem Bildschirm. Das Gesicht. Mir ist buchstäblich vom Scheitel bis zur Sohle eine Gänsehaut heruntergelaufen. Ich habe seinen Namen nie vergessen können."

Gerhard Gaul, Stadtpräsident der Hansestadt Lübeck, ist im Kielwasser der Filbinger-Affäre auf die Titelseiten der schleswig-holsteinischen Presse geraten: Weil der heute 68jährige CDU-Politiker während des Zweiten Weltkrieges Marinekriegsgerichtsrat war und als Verhandlungsleiter des "Gerichts des Admirals der Norwegischen Polarküste Zweigstelle Narvik, an mindestens zwei Todesurteilen mitgewirkt hat.

Inzwischen ist ein dritter Fall aufgetaucht: Das am 27. Januar 1943 an Bord des TS "Kärnten" von Marinekriegsgerichtsrat Gaul verhängte Todesurteil über den Matrosen Karl-Heinz Lichters. Er mußte sterben, weil er etwas zu viel Rum getrunken hatte. Das ehemalige Besatzungsmitglied vom Versorger "Kärnten", Steuermann-Gefreiter Günther K.: "Ich selbst stand auch vor Herrn Gaul. Wegen Proviantschmuggels in die Heimat. 18 Monate Bau. Das war am selben Tag, als Lichters von Gaul zum Tode verurteilt wurde. Er kam vor mir dran."

Günther K. erinnert sich: "Es war an einem Sonntag gewesen, Mitte Februar 1943. Der Schiffsarzt war abkommandiert worden und wurde mit dem V-Boot der ‚Kärnten‘ nach Narvik gebracht." Für die außerplanmäßige Fahrt an diesem Sonntag bekam die Mannschaft Rum mit an Bord, eine Flasche für vier Leute, Steuermann, Maschinist und "zwei Fastmaker, Bootshaken vorn und achtern". Offen waren die V-Boote und die Winter in Nordnorwegen von einer brutalen Kälte. Als sie zurückkamen, war Karl-Heinz Lichters stark angetrunken. "An Bord wurde er darum vom wachhabenden Offizier angeschnauzt. Es gab Streit. Lichters kam mit dem Götz-von-Berlichingen-Zitat. Daraufhin befahl der Offizier dem Unteroffizier vom Dienst, Lichters zu verhaften.

Mit aufgepflanzten Bajonetten standen zwei Posten vor ihm. Vorschriftsmäßig legte ihm der Unteroffizier die Hand auf die Schulter. – "Nimm die Pfoten von meinem Kolani!" (der blaue Rock der Marine) soll Lichters wütend geknurrt haben. Der beleidigte Offizier gab einen Tatbericht an das Kriegsgericht beim Admiral Nordmeer mit Sitz in Tromsö. Die Verhandlung unter Vorsitz des Marinekriegsgerichtsrats Gaul fand an Bord in der Offiziersmesse statt. Günther K.: "Ich war direkt nebenan mit noch einem Kameraden. Wir sollten ja danach wegen "schweren militärischen Diebstahls’ verurteile werden. So konnte ich alles mit anhören, vor allem das Gebrüll von Gaul. Lichters hat nichts gesagt, weder zur Person noch zu seiner Verteidigung. Er war ein guter Kamerad und ein zuverlässiger Mann. Die V-Boot-Besatzung bestand immer aus ausgesucht guten Leuten, die beispielsweise den Postdienst nach Narvik machten. Den Ernst seiner Situation hat Lichters nicht erkannt. Keiner von uns hat mit einem Todesurteil gerechnet. Er war ein sturer Westfale und bockig. Trinken war ja auch nicht unüblich an Bord. Aber Gaul hat ihn angeschrien. In einer Weise ... Wir haben gezittert."

Zum Verteidiger von Lichters wurde kurzerhand Fridjof P. ernannt. "Ein semmelblonder Ostfriese, gutmütig. Unser Navigationsoffizier." Aber eben kein Jurist. Ohne Chance gegenüber Staatsanwalt und Richter. Vollstreckt wurde das Urteil am 4. März 1943. Durch Erschießung in einer Bucht am Rombakenfjord, nordöstlich von Narvik. "Zur Abschreckung mußten Angehörige unserer Besatzung daran teilnehmen."

Die Leiche Lichters mußten seine Kameraden in einen vorher vorbereiteten Sack aus Segeltuch einnähen, der mit Steinen beschwert dann im Rombakenfjord versenkt wurde. "Ich weiß, daß die Jungens geweint haben, als sie wieder an Bord der ‚Kärnten‘ kamen. Viele waren ja auch mit ihm befreundet gewesen. Sie erzählten, er hätte sich unheimlich tapfer gehalten. Die Augenbinde soll er sich wieder abgerissen haben. ‚Ich brauche keine. Ich kann mir das auch ansehen, was ihr da macht‘, soll Lichters gesagt haben." Er war knapp über 20 Jahre alt.

Günther K.: "Laut Dienstvorschrift stand uns regelmäßig Alkohol zu, den wir sammelten, um uns dann mal richtig vollaufen zu lassen. Einmal die grausame Kälte und dann ein paar Jahre tagein, tagaus in so einem engen Fjord liegen, in dieser Einsamkeit – das war eine Tortur, die einen fast zum Wahnsinn trieb. Wir nannten diesen Zustand auch Poko, Polarkoller." Jeder, der nur im entferntesten mit der Marine zu tun hatte, habe dieses Wort gekannt und gewußt, in welcher Verfassung die Männer oft waren. "Das muß auch Herr Gaul gewußt haben."

Als Günther K. drei, vier Jahre später in französischer Kriegsgefangenschaft andere Marineangehörige kennenlernte, stellte er fest: "Gaul war überall bekannt. Sobald sein Name fiel, hob jeder die Hände. Er war berühmt-berüchtigt für seine gnadenlose Härte."

Wegen "Wehrmittelbeschädigung" wurde am 6. April 1943 der Norweger Finn Hauge, 32 Jahre alt, zum Tode verurteilt. Er hatte angeblich mit einem "erheblichen Bausch Putzwolle" Wasserbomben unschädlich machen wollen. "Selbst wenn der Angeklagte in der langwierigen und durch sein anfängliches Leugnen schwierigen Vernehmung scharf angefaßt sein sollte, bestehen doch keine Bedenken...", heißt es in der Urteilsbegründung. Am Ende der Akte findet sich ein handschriftlicher Vermerk: "Ich befürworte einen Gnadenerweis nicht." Darunter Gauls Unterschrift.

Das Kommando "Feuer" erfolgte um 18.20 Uhr. Eine Minute später wurde der Tod festgestellt. "Ich möchte nicht sterben. Ich bin es nicht gewesen", sagte Finn Hauge noch.

Wegen Diebstahl, Unterschlagung und Urkundenfälschung zu fünf Jahren Zuchthaus und wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt wurde am 17. April 1942 der Matrose Walter Rötcher im Marinegericht Wesermünde-Mitte. Auch hier führte Gerhard Gaul den Vorsitz. Walter Rötcher, 28 Jahre alt, Sonderschüler, war erst einige Monate zuvor zur Kriegsmarine eingezogen worden. Ein einfacher, naiver junger Mann, der die Tragweite seines Handelns gar nicht einzuschätzen vermochte. Er hatte seinen Urlaub überzogen und sich dann aus "Angst vor Strafe" versteckt, um später "wieder zur Truppe zurückkehren zu wollen".

"Die Strafzumessung ist unter folgenden Gesichtspunkten erfolgt", gab Marinegerichtsrat Gerhard Gaul am 17. April 1942 zu Protokoll: "Für die Fahnenflucht ist die Todesstrafe ausgesprochen. Sie ist notwendig. In einer Zeit, in der zahllose Männer ihren Beruf und ihre Familie verlassen, um an ihrer Stelle als anständige Soldaten ihre Pflicht gegenüber Führer und Volk erfüllen und ihren Fahneneid mit ihrem Leben besiegeln, verdient ein Mann wie der Angeklagte keine Milde. Selbst, wenn ihm zugute gehalten wird, daß er ein haltloser und zielloser Charakter ist, so würde eine langjährige Zuchthausstrafe bei diesem Angeklagten überhaupt keinen Zweck haben. Die Todesstrafe ist auch nach den Richtlinien des Führers und Obersten Befehlshabers der Wehrmacht für die Strafzumessung bei Fahnenflucht vom 14. 4. 1940 geboten, weil der Angeklagte sich während seiner Abwesenheit verbrecherisch betätigt hat. Asoziale Elemente wie der Angeklagte müssen rücksichtslos ausgemerzt werden."

"Das Recht ist der Hort und die Möglichkeit der Freiheit." Mit diesem Satz trat Gerhard Gaul im Mai 1967 in das schleswig-holsteinische Landeskabinett als Justizminister ein. Der damalige Ministerpräsident Lemke hatte den alten Parteifreund Gaul berufen. "Dem Dritten Reich ist mit Recht ein Vorwurf daraus gemacht worden, daß es strafrechtliche Normen mit rückwirkender Kraft erließ." Das Zurechtschneidern der Gesetze auf bestimmte Straftaten widerspreche der Rechtsstaatlichkeit. Darum sprach sich der damalige Justizminister Schleswig-Holsteins, Gerhard Gaul, gegen eine verlängerte Verjährungsfrist für NS-Verbrechen aus (Lübecker Nachrichten vom 9. August 1968).

Seit dem 25. Oktober 1959 ist Gaul ununterbrochen Mitglied der Lübecker Bürgerschaft. Seinen freiwilligen Rücktritt verlangen SPD und FDP in der Hansestadt. Mit "Hochachtung" haben dagegen die lübeckischen Christdemokraten Gauls Erklärung zur Kenntnis genommen, er trage selbstverständlich die Verantwortung für die Todesurteile.

Aus dem offiziellen biographischen Abriß des Lübecker Stadtpräsidenten: 1909 in Lübeck geboren, studierte er 1928 nach dem Abitur in Berlin, Tübingen und Göttingen Jura, bestand er 1931 sein Examen als Referendar und 1935 als Assessor mit Prädikat. "Zwischen 1935 und 1965 wirkte er als Rechtsanwalt in Lübeck. Während des Zweiten Weltkrieges war er zur Marine eingezogen. Nachdem er 1946 schwer krank aus der Kriegsgefangenschaft..."

Zahlreiche Ehrenämter "bekleidete er von Jugend an", war Gründungsmitglied des Rotary-Clubs und Vorsitzender des Vereins alter Tübinger Rhenanen. 1964 erhielt er die Freiherr-vom-Stein-Gedenkmedaille, 1969 die Ehrenplakette des Lübecker Senats und 1972 dekorierte ihn Ministerpräsident Stoltenberg mit dem Großen Bundesverdienstkreuz am Bande.

Gerhard Gaul – ein jovialer, humoriger, augenzwinkender Stadtvater wie er im Buche steht. Ein unterhaltsamer Redner, ein charmanter Gastgeber bei offiziellen Rathausanlässen, gewandtes Paradepferd neben einem allzu stillen, steifen CDU-Bürgermeister bei Empfängen für ausländische Delegationen, meist aus Norwegen, Schweden, Dänemark. Mit seinem Rücktritt hatte er gespielt, vor der letzten Kommunalwahl. Dann mochte er doch nicht abtreten. Und nun bleibt er. Nun gerade.