Von Ben Witter

Er hatte mir am Telephon erklärt, wie ich Donnerstag morgen von Hamburg über Frankfurt und Salzburg nach Schönau kommen könne; so gegen viertel vor elf müsse ich dann eintreffen. "Hollerhäusl" stand an dem Haus. Ich klingelte, aber niemand meldete sich. Ein Arbeiter von einem Vermessungstrupp sagte: "Der Herr Leber ist heute früh weggefahren, und seine Frau kauft ein."

Dann ging die Pforte auf. Eine hellblonde Frau mit einer Sonnenbrille sagte: "Leber". Ich nannte meinen Namen, und sie blickte zu dem Vermessungstrupp hinüber. Ich wiederholte, was mir der Arbeiter gesagt hatte und daß ich so gegen elf mit ihrem Mann verabredet sei. Sie sagte: "Aber er macht doch eine Bergtour mit dem General Das muß er ganz vergessen haben."

Wir gingen ins Wohnzimmer. Der runde Kachelofen aus dem 18. Jahrhundert war hergerichtet worden; er hatte vorher in der Gange gelegen, und die vielen Füße lugten wie unter einem Rock hervor. An der einen Wand hingen auch alte Stiche, einer mit einer Eisenbahn darauf und andere mit Brücken. Gegenüber wären zwei Gemälde von Georg Leber: im Hintergrund warteten Berge, scharfe Konturen hatte er vermieden.

"Da? werde ich aber jetzt beim General anrufen", sagte Frau Leber. "Wie sauber alles ist", sagte ich und meinte das ganze Haus und die Balken in der Decke des Wohnzimmers und Lebers Holzarbeiten und die Bilder. "Ja, sauber ist es geworden", sagte Frau Leber. "Die alte Frau von Zitzewitz aus Köslin – der Vater war General-Flügeladjutant des Kaisers, der Herr von Chelius – hat es uns verkauft. ,Solange ich noch klar bei Sinnen bin, will ich es hergeben, und es bekommt nur der Herr Leber.’ Das waren immer wieder ihre Worte. Und so wurde das "Hollerhäusl‘ unser."

Frau Leber rief an, aber die Herren waren noch nicht von der Bergtour zurück, und sie holte den Jeep aus der Garage, und wir fuhren zum General nach Ramsau. Frau Leber fuhr wieder zurück, und ich sollte da warten, und die Frau des Generals servierte eine Wildsuppe und Buchteln mit Vanillesauce, und sie plauderte von ihren Ahnen und den Söhnen, vom menschlichen Format und von den Aufgaben eines pensionierten Generals. Nach einer Stunde hörten wir Stimmen.

Die Frau des Generals sagte: "Sie haben Besuch, Herr Minister." Aber bevor ich zu Worte kam, sagte Georg Leber: "Ich kenne Sie nicht." Ich sagte: "Wir sind doch heute in Schönau miteinander verabredet, so gegen elf." Und Leber sagte: "Ich hatte vergessen, daß Donnerstag ist." Das nasse Hemd wollte er nicht wechseln, aber die Wildsuppe essen und Buchteln. Er aß ganz mechanisch, die Blicke waren bei der Tür, am Kinn hatte er Vanillesauce. Konnte er nicht begreifen, daß er die Verabredung vergessen hatte, oder hatte die Anrede der Frau des Generals seine Probleme wieder alarmiert? Wäre er noch länger so sitzen geblieben, wenn ich nicht gesagt hätte: "Ihre Frau wartet auf uns"?