Paris im Sommer – für die Pariser selbst war das in den letzten Jahren nicht selten eine strapazenreiche Zeit: weit und breit kein Bäcker, Fleischer oder Milchhändler, Schlangen vor den Restaurants. Alle Tante-Emma-Läden, die hier noch straßenweise gut florieren, hatten wie die Beamten des öffentlichen Dienstes, wie die Schulen und die meisten Fabriken ganz einfach den Juli oder August über zu. Daß so viele Geschäfte und Restaurants der Hauptstadt zur gleichen Zeit Ferien machten, war schließlich mehr und mehr zu einem sozialen, ja Ökonomischen Politikum geworden.

Wie es kulturell im Sommer in Paris aussah, kann man sich leicht vorstellen. Die staatlichen Theater haben auch im übrigen Europa Sommerpause. In Paris jedoch gab es auch in den Privattheatern so gut wie nichts zu sehen. Die Provinz versuchte Profit aus der hauptstädtischen Misere zu ziehen, organisierte an die dreihundert Festivals, versuchte, Pariser anzulocken, Touristen zu entschädigen.

Und die ^Pariser, die in Paris bleiben? Die Touristen, die nach Paris kommen?

Daß erstmals dieses Jahr die staatliche Automobilfabrik Renault den August über nicht die gesamte Belegschaft in Urlaub gehen läßt, sondern eine Ferienstaffelung ausprobiert, scheint ein Zeichen zu sein, Symbol einer sich anbahnenden Änderung, die der ehrgeizige neue Bürgermeister, vormals Premierminister, Jacques Chirac, mit viel Propaganda unterstützt und, so gut er kann, subventioniert, um Paris während der Sommerpause nicht länger zur kulturellen Einöde werden zu lassen. Seine Animationsversuche reichen von volkstümlichen 14.-Juillet-Bällen im Freien, vor allem vor den Rathäusern der zwanzig Arrondissements, bis zum geistlichen Konzert in der Kirche von Saint Germain des Prés oder Saint Severin, in der Sainte Chapelle; kurioserweise finden, in diesem Juli und August sogar Konzerte in den Festsälen der Luxushotels statt, im Hilton oder dem Intercontinental zum Beispiel.

Begonnen hatten derlei Initiativen vor Jahren mit dem Festival im Marais. Dieses architektonisch reiche und faszinierende Viertel, das von der „haute société“ des Sonnenkönigs gebaut und geprägt wurde, war moribund. Viele Häuser standen leer und verfielen, andere waren zu Handwerker-Ateliers geworden, in vielen aristokratischen Stadtplänen hauste ein verwahrlostes Subproletariat. Durch das „Marais-Festival“ – man spielte und konzertierte vor Louis XIV-Fassaden und in einigen renovierten Höfen unter freiem Himmel – wurde mit einem Mal jeder Pariser, der seine Stadt liebte, auf das gesamte Gebiet von der Place des Vosges bis zum heutigen Musée Beaubourg gewissermaßen negativ aufmerksam. Restaurierungen und eine von Immobilienmaklern geschürte Mode machten das „Marais“ wieder zu einem lebendigen Stadtteil, und die Grundstückspreise sind hier inzwischen so hoch wie im Westen der Stadt.

Selbst im Winter hat das „Marais“ viele kulturelle Aktivitäten: Café-Theater, Studiokinos, Cafés chantants, Der neueste Parisianismus: Man sitzt im Café, Bistro oder Kellerlokäl und lauscht Chansons, Gedichten, Musik.

Das „Festival-Estival“ dauert vom 15. Juli bis 23. September und wird dann vom „Festival d’Automne“ (Herbstfestspiele) abgelöst, das die Übergangszeit bis zur „offiziellen Saison“ überbrücken hilft. Die Organisatoren der Pariser Sommerfestspiele berücksichtigen vor allem das internationale Besucherpublikum. Theaterstücke werden, wegen der Sprachbarriere, wenig gegeben, zahlreich sind hingegen Musikveranstaltungen. Zusammen mit Radio France wird ein eklektisches Programm geboten: Orchesterkonzerte, Orgel-, Klavier-, Cembalo-, Gitarre- und Violin-Recitals oder Liederabende von bekannten Sängern.

Im Herbst veranstaltet man zu Ehren des Malers Miró, der in diesem Jahr 80 wird, im Museum Beaubourg eine große Ausstellung seiner Zeichnungen und Gemälde und ein „spectacle dessine et peint par Joan Mirò“, Mori el Merma, mit dem katatonischen Claca Theater aus Barcelona. Traditionelle japanische Musik, japanische Kalligraphisten, die zugleich etwas ausstellen und demonstrieren, russische Tanzsolisten sowie Mauricio Kagel, der die Pariser Erstaufführung von „Tango aleman“ und „Bestiarium“ vorbereitet, sind weitere Höhepunkte des „Festival d’Automne“. Festspielprogramme kann man sich besorgen oder auch nach Deutschland schicken lassen von: Festival Estival de Paris, 5 Place des Ternes, 75017 Paris, Tel. 2 27 12 68. Festival d’Automne a Paris, 2 rue du Pas de la Mule, 75003 Paris, Tel. 2 78 10 00. Peter Bermbach