In einem analytischen Beitrag untersucht der „Problem-Arbeitskreis“ des oppositionellen „Polnischen Komitees für Unabhängigkeit“ neue Möglichkeiten einer deutsch-polnischen Annäherung.

Die polnische Westgrenze wurde nicht endgültig von Deutschland anerkannt. Die bestehenden Verträge verpflichten, der Erklärung des Bundestages und dem Urteil des Verfassungsgerichts der BRD gemäß, nur den jetzt bestehenden Staat Bundesrepublik Deutschland, nicht jedoch ein künftiges vereinigtes Deutschland. Es ist möglich, daß, gehörten unsere Länder nicht zu antagonistischen politisch-militärischen Blöcken und wäre die polnische Grenze leicht zu überschreiten, es zu einer solchen Deklaration und zu einem solchen Urteil nicht gekommen wäre. Die Deutschen müssen sich jedoch darüber klarwerden, daß ein In-der-Schwebe-Lassen dieser Frage die Polen mit Mißtrauen erfüllt und es so unmöglich macht, den Verdacht des Expansionismus ganz loszuwerden...

Trotz allem, was uns die Propaganda einredet, ist die UdSSR nicht der Garant unserer Grenzen, sondern der Garant eines bestimmten, uns aufgezwungenen politischen Systems. Eine Veränderung dieses Systems ist unmöglich, ohne die Befreiung von der Zwangsvormundschaft dieses Garanten. Jedoch – in dem Augenblick, in dem wir die Bande dieser Kuratel lockern – werden wir den Deutschen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Es ist deshalb klar, daß auf unsere Entscheidung, sich von der UdSSR unabhängig zu machen, die Tatsache einen Einfluß ausübt, ob die BRD sich in genügend überzeugender Weise für eine vorbehaltslose Anerkennung der territorialen Integrität Polens ausspricht...

Die Vereinigung Deutschlands ist das grundsätzliche Fernziel beider politischer Lager in der Bundesrepublik. Es besteht kein Zweifel, daß die Ostdeutschen, der Souveränität und bürgerlichen Freiheit beraubt, das gleiche Ziel erstreben werden...

Die beiden großen politischen Lager in der BRD bemühen sich auf verschiedenen Wegen, die Vereinigung zu erreichen: die SPD durch eine Verständigung mit den bestehenden Regierungen der UdSSR und der Volksrepublik Polen sowie durch eine langsame ökonomische und gesellschaftliche Annäherung beider deutscher Staaten, die CDU/CSU durch eine stufenweise Einschränkung des sowjetischen Einflusses in Europa. Keines der beiden Lager scheint der Einstellung der polnischen Gesellschaft Gewicht beizumessen. Die westdeutschen Führer wissen, daß die Volksrepublik Polen keine unabhängige Außenpolitik führen kann, und neigen dazu, den Polen nur die Rolle eines passiven Objektes im internationalen Spiel zuzubilligen. Dies ist ein kurzsichtiger Standpunkt, denn für die Zukunft Deutschlands ist es nicht gleichgültig, ob Polen souverän ist oder nicht

Die Vereinigung Deutschlands hat zwei grundsätzliche Gegner: die UdSSR und die Regierungskreise der DDR. Für die UdSSR würde die Vereinigung eine Schrumpfung des Gebiets ihres Imperiums bedeuten, für die derzeitige Regierungsmannschaft der DDR – den Verlust der Macht.

Auf die Möglichkeit einer Vereinigung schauen auch die übrigen Länder der Europäischen Gemeinschaft ohne Enthusiasmus. Sie befürchten nämlich eine wirtschaftliche und politische Stärkung Deutschlands, und damit seinen Wunsch, in der Gemeinschaft eine dominierende Rolle zu spielen. Es läßt sich jedoch vermuten, daß, je integrierter das vereinigte Europa sein wird, um so weniger Widerstände werdet sich in seinem Rahmen gegen eine Vereinigung Deutschlands erheben.

Die Abneigung der Polen gegen eine mögliche Vereinigung Deutschlands fließt aus ähnlichen Quellen. Wir befürchten, daß ein gestärktes Deutschland seine Stärke wird ausnützen wollen, um territoriale Forderungen (Revindikationen) zu erzwingen. Wenn sich die Vereinigung eindeutig im Rahmen der Europäischen Gemeinschaft vollziehen würde, wenn das Gebiet, das heute die DDR darstellt, ein Tal des föderierten Europas würde und nicht nur der BRD, und die ganze Gemeinschaft stärken würde und nicht nur eines ihrer Mitgliedstaaten, – dann könnte die Abneigung der Polen dagegen schwächer werden. Eine Vereinigung Deutschlands im Rahmen der Europäischen Gemeinschaft brächte es mit sich, daß Polen eine direkte Berühung mit dem Westen gewönne, mit dem es durch seine ganze Tradition und seine moderne Kultur verbunden ist, daß es die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit der Gemeinschaft gewönne, und damit schließlich die Chance einer authentischen Wahl des Verbündeten und der wirtschaftlichen Verbindungen.