Von Josef Joffe

Geschichte ist immer rückwärtsgewandte Politik. Die sechziger Jahre haben uns einen schier nicht enden wollenden Fluß an Literatur über den Kalten Krieg beschert – nicht etwa, weil plötzlich die Archive ihre Pforten öffneten, sondern weil Amerika im Vietnamkrieg verstrickt war. Die gedankliche und politische Verknüpfung war simpel: Wenn die Doktrin der „Eindämmung“ eine Perversion wie den Vietnamkrieg legitimieren konnte, dann genügte es nicht, zu demonstrieren oder teach-ins zu organisieren – dann mußte das Übel an seiner Wurzel gepackt werden. Wer das Vorgehen in Indochina kritisieren wollte, der mußte beim Kalten Krieg anfangen: beim blinden Antikommunismus, bei der Profitgier einer superkapitalistischen Gesellschaft, welche die Allianz mit den Sowjets zerstört und Amerika in einen endlosen Krieg von Korea bis Vietnam getrieben hatte.

Die Neue Linke holte damit nach, was die „Traditionalisten“ bereits absolviert hatten – aber ebenseitenverkehrt. Die „Revisionisten“ suchten und fanden eine „immanente“ Kriegsschuld in der amerikanischen Gesellschaft, so wie ihre Altvorderen sie in der ungezügelten Expansionslust des bolschewistischen Totalitarismus gefunden hatten. Über diese Debatte hinaus führt

Daniel Yergin: „Shattered Peace. The Origins of the Cold War and the National Security State“; Houghton Mifflin Co., Boston 1977; 526 S., 15,–

Noch ein Konvolut über die Ursachen des Kalten Krieges? Dieses brillant und spannend geschriebene Buch rechtfertigt den Aufwand allemal. Daniel Yergin, heute Dozent an der Harvard Universität, war ein Jahr alt, als Harry S. Truman mit seiner berühmten Doktrin von 1947 den Russen den Kalten Krieg „erklärte“; sein Opus war fertig, als das amerikanische Engagement in Indochina schon Geschichte war.

Diese doppelte Distanz macht eine der Stärken dieses Buches aus. Bei Yergin gibt es weder einen „linken“ noch einen „rechten“ Determinismus, der die Fakten in ein vorgestanztes Schema zwingt. Auch gibt es keine Helden und Schurken in diesem Drama; nur mehr oder weniger weitsichtige Akteure, die auf einer halbdunklen Bühne tagtäglich nach einem neuen Skript proben mußten, das sie selbst nicht immer richtig verstanden.

Der Kalte Krieg war nicht unvermeidbar – dies ist Yergins Hauptthese. Daraus folgt seine zentrale Frage: Warum hat die Diplomatie versagt, warum wurde die Konfrontation zum way of life? Eine Schlüsselantwort des Autors: Die amerikanischen Entscheidungsträger hatten keine geschichtliche Erfahrung mit der Sowjetunion. Sie wußten nicht, mit wem sie es zu tun hatten und was die Sowjets wollten. Es gab lediglich zwei konkurrierende Denkschulen, die Yergin unter dem Etikett „Riga“ und „Jalta“ zusammenfaßt.