Von Claus Voland

Einhundertdreiunddreißig Briefe schrieben die Präsidenten der Freien Universität (FU) und der Technischen Universität’ (TU) Berlin. Die Adressaten waren große Industrieunternehmen, Banken, Sparkassen, Wirtschaftsberbände, Institute, Bürgermeister, Gerichte und Ministerien. FU-Präsident Eberhard Lämmert und sein Kollege von der TU, Horst Berger, wollten herausfinden, ob ihre Studenten schlechtere Berufschancen haben als die Absolventen anderer deutscher Hochschulen.

Der Verdacht war nach einer Untersuchung des Kieler Wirtschaftswissenschaftlers Reinhard Schmidt aufgekommen. Im „Manager-Magazin“ hatte Schmidt unter der Überschrift „Schlechte Noten für rote Unis“ geurteilt: „Abgänger von stark politisierten Universitäten, wie FU Berlin oder Bremen, aber auch Heidelberg, Frankfurt und Marburg haben in der Wirtschaft wenig Chancen.“

Nach Schmidt lassen sich die Hochschulen der Bundesrepublik in drei Gruppen einteilen: „In zwanzig bevorzugte, fünfundzwanzig durchschnittlich bewertete und fünf abgelehnte.“ Weiter folgert der Wirtschaftswissenschaftler: „Die klassischen Universitäten werden positiv beurteilt – mit Ausnahme der abgelehnten hessischen Universitäten und der Universität Heidelberg.“

Die Hit-Parade wird von den Technischen Universitäten Aachen, Darmstadt und Braunschweig angeführt, es folgen die Universitäten Köln, München, Mannheim, Karlsruhe und Hannover. Am Tabellenende landeten die FU Berlin und die Universität Bremen.

Der Berliner FU-Präsident wollte das vernichtende Urteil über seine Universität nicht glauben und startete deswegen eine Briefaktion, deren Auswertung in Kürze von der FU veröffentlicht werden wird. Aber schon jetzt läßt sich sagen, der Tenor fast aller Antwortschreiben lautet: Absolventen der FU werden bei Einstellungen nicht benachteiligt. Der Ruf einer Hochschule spielt im allgemeinen keine Rolle. Vielmehr sind „Zeugnisse und der persönliche Eindruck bei den Einstellungsinterviews maßgeblich“, so der Otto-Versand, Hamburg. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) schrieb: „Wir haben bisher noch in keinem Falle einem Bewerber den Vorzug gegeben, weil er an einer bestimmten Hochschule studiert hat. Ausschlaggebend für eine Einstellung ist allein die Überzeugung, daß der Bewerber für die zu besetzende Stelle die erforderlichen fachlichen und persönlichen Voraussetzungen besitzt.“ Auch für die Deutsche Bundesbank ist „die Hochschule, an der das Examen abgelegt wurde, kein Auswahlkriterium.“ Und der ADAC stellt fest, „daß. wir unabhängig von dem Image der jeweiligen Universität fachliche und persönliche Eignung der Bewerber prüfen“. Bei der Deutschen Lufthansa bewerben sich jährlich über zweitausend akademische Nachwuchskräfte. Vorstandsmitglied Gerhard Frühe hält eine Auswahl nach Hochschulen für falsch: „Bei einer Beurteilung eine Hochschule sowohl in bezug auf ihre fachliche Qualifikation als in bezug auf ihre hochschulpolitische oder politische Ausrichtung wären unsere Personaldienste in ihrer jetzigen Struktur überfordert.“ Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Helmut Geiger, betont, daß Leistungen während des Studiums und die Qualität des Examens entscheidend sind, „nicht aber, an welcher Universität das Examen abgelegt wurde“. Geiger versichert dem FU-Präsidenten: „Nach unseren Erfahrungen ist. ein Studienabschluß an der Freien Universität Berlin jedenfalls kein ,Einstellungshindernis’.“

Noch bessere Noten erhielt die Technische Universität Berlin. Sie belegt in Schmidts Tabelle den schlechtesten Rang aller Technischen Universitäten. TU-Präsident Rolf Berger hatte schon vor einigen Wochen an dreiundfünfzig Großunternehmen geschrieben und um Beurteilung seiner Hochschule gebeten. Verblüfft reagierte Eckhard Edye von der Esso AG: „Mir ist – offen gesagt – der Gedanke noch gar nicht gekommen, Absolventen anderer Universitäten aus den von ihnen geschilderten Gründen gegebenenfalls den Vorzug zu geben.“