Von Jutta Kamke

Im Januar 1974 warnte die „Niederländische Vereinigung für Sexualfragen“ (NVSH) davor, das Verhütungsmittel Patentex oval „ohne zusätzliche Schutzmittel“ zu benutzen. Patentex oval, seit 1971 auf dem deutschen Markt registriert, ist ein lokales Kontrazeptionszäpfchen, das – frei verkäuflich in allen Apotheken und Drogerien – laut Firmenwerbung „zuverlässig wie die Pille“ und „seit seiner Einführung als zuverlässiges Verhütungsmittel ohne Nebenwirkungen millionenfach bewährt“ sein soll, das „mit Abstand am meisten verwendete lokale Kontrazeptivum Deutschlands“. Das Wirkprinzip: Bei Körpertemperatur schmilzt das in die Scheide eingeführte Zäpfchen, und es bildet sich ein Schaum-Schutzfilm in der Vagina, der sowohl undurchdringlich für die Samenfäden ist als auch die Spermien abtötet.

Die Wirksamkeit des spermieninaktivierenden Stoffes Nonoxynol 9 ist unbestritten und in den USA seit Jahrzehnten in Gebrauch, nur: Die vom Hersteller genannte Sperrwirkung, die Schaumentwicklung des Patentex oval, erwies sich in Tests der Internationalen Familienplanungsorganisation (IPPF) als nicht genügend („failed the 1PPF test for foaming capacity“).

Dessen ungeachtet wirbt die Herstellerfirma auch heute noch mit Breitenwirkung und oben zitierten Slogans nicht nur in medizinischen Fachblättern, sondern auch im Werbefernsehen und in Jugendzeitschriften wie Bravo (Leser: 10 bis 16jährige). Demgegenüber erklärt die Beratungsstelle für Familienplanung in Luxemburg: „Wir haben bis jetzt 25 eindeutige Versager mit dieser Methode festgestellt (1975 bis März 1977), ...ausnahmslos Fälle, die wir im nachhinein erfaßt haben, ... Fälle, bei denen Zweifel an der korrekten Anwendung bestanden, wurden nicht berücksichtigt.“ Der Verein für Familienplanung in Dänemark läßt uns wissen: Er habe „von 87 Abortsuchenden zehn Prozent“, die „bei der Anwendung von Patentex oval schwanger geworden“ waren.

Wie die Frankfurter Herstellerfirma auf solche Zweifel reagiert, mag der Fall des Doktor Henkelmann aus Mönchengladbach zeigen, der ihr „bereits im Frühjahr 1973 einen eindeutigen Versagerfall von Patentex oval mitgeteilt“ hatte und „auch mit Regreßforderungen an die Firma herangetreten“ war: „Die Firma lehnte seinerzeit jegliche Verantwortung ab und schob alles auf Anwendungsfehler. „Meiner Ansicht nach liegt eine offensichtliche Diskrepanz zwischen der Firmenreklame in den Illustrierten (Darstellung des Mittels als Alternativmöglichkeit zur Pilleneinnahme, bewußte Erweckung des Eindrucks hundertprozentiger Sicherheit) und dem, was man in der Fachliteratur über den Pearl-Index lokal anzuwendender Antikonzipientien liest, vor.“

Dieser Pearl-Index gilt heute als übliches Maß zur Feststellung der Versagerquote bei Kontrazeptionsmitteln, ausgehend von der Tatsache, daß pro Monatszyklus nur eine Befruchtung stattfinden kann. Die Zahl der ungewollten Schwangerschaften oder der Versager einer bestimmten Methode der Verhütung wird auf 1200 Anwendungsmonate (oder Zyklen) bezogen, also auf hundert Frauenjahre. Der gegenwärtige Pearl-Index für lokal anzuwendende Verhütungsmittel in Form von Schaumtabletten, Zäpfchen, Salben, Sprays schwankt. Angegeben werden zwischen 0,7 und sieben Schwangerschaften. Der reputierte Medical Letter vom März 1978 gibt in einer Studie „eine Versagerquote im ersten Anwendungsjahr für Schaumovula, Cremes und Gelees von 15 Prozent verglichen mit zwei Prozent für orale Kontrazeptiva“ an. Da das Encare Oval (US-Markenname für Patentex oval) zudem noch andere Handhabung tiefe manuelle Einführung in die Vagina, 10-Minuten-Frist bis zur Auflösung in Schaum – erfordere, kommt diese Studie zu dem Schluß: „Das Oval versagt wahrscheinlich mindestens so häufig wie andere ähnliche Produkte.“

Die Firma Patentex gibt hingegen einen Pearl-Index von 0,30 bis 0,8 an, also 43 Schwangerschaften auf 10 017 Frauen, die durchschnittlich 6,8 Monate zum Schaumovulum griffen. Das klingt gut. Aber: Diese Daten wurden durch einblättrige Fragebögen der Firma Patentex ermittelt und von 287 Ärzten gegen Honorar ausgefüllt. Eine der beteiligten Ärztinnen meint dazu, daß diese Befragung durchaus angreifbar sei, weil dabei auch Frauen in die Statistik gerieten, die Patentex nur als Intervallschutz in der Pillenpause nahmen oder als zusätzliches Verhütungsmittel. Eine Gleichheit der Voraussetzungen war also nicht gegeben.