Von Dieter Buhl

Seit der Premiere in Rambouillet vor knapp drei Jahren offenbaren die Weltwirtschaftsgipfel zumindest eine Gesetzmäßigkeit: Je öfter sich die Führer der wichtigsten westlichen Industrienationen treffen, um so niedriger versuchen sie den Erwartungspegel zu halten. Wer wollte bestreiten, daß sie Anlaß zur Bescheidenheit haben? Die Ergebnisse der vorangegangenen Konferenzen sind mager ausgefallen; zu neuen Höhenflügen ermuntern sie nicht. So zeigen sich die großen Sieben auch vor ihrer Bonner Begegnung am kommenden Wochenende eher grämlich als frohgemut.

Eine glorreiche Sieben präsentiert sich in Bonn jedenfalls nicht. Präsident Carter leidet unter galoppierendem Popularitätsverfall, seine politische Handlungsfähigkeit schrumpft zusehends. Die Premiers Fukuda und Trudeau stehen zu Hause ebenfalls unter Beschuß. Der britische und der italienische Regierungschef balancieren auf schmalen Mehrheitsgraten; beide stöhnen unter der wirtschaftlichen Misere ihrer Länder. Bleiben Giscard d’Estaing, im Aufwind nach dem Wahlerfolg, und Helmut Schmidt als Hinkende im Club der Lahmen.

Gestärkt durch den Rat in Bremen (und seinem ganzen Naturell gemäß) wird der Bundeskanzler als selbstbewußter Gastgeber auftreten. Während die anderen wirtschafts- und währungspolitisch auf der Stelle harren, hat er im Verein mit Giscard einen Schritt nach vorn gewagt. Der Verwirklichung der europäischen Währungszone stehen zwar noch sperrige Hindernisse im Wege; die innenpolitische Ablehnung gegen den Plan regt sich bereits, und die EG-Partner, besonders die Briten, sind auch nicht Feuer und Flamme. Aber das Angebot gilt: Wenn sich die Europäer zu mehr ökonomischer Bescheidung und währungspolitischer Stabilität durchringen, können sie Nutzen aus dem vielbeneideten deutschen Devisenschatz ziehen. Es liegt ganz an den Gemeinschaftsmitgliedern, dem Bundeskanzler, dem sie so oft Pfennigfuchserei vorwerfen, jetzt beim Wort zu nehmen.

Den amerikanischen Präsidenten wird der Impuls von Bremen gleichwohl nur wenig beeindrucken. Dafür spricht zunächst seine abwartende-reservierte Haltung gegenüber der Bonner Initiative. Auf Carters Wunschzettel steht anderes als eine europäische Währungsunion, die ja durchaus auch als Verteidigungsbündnis gegen den Dollar verstanden werden kann. Nach wie vor räumt er der Ankurbelung der deutschen und japanischen Wirtschaft den ersten Platz ein. Nur: mehr als wünschen kann der Präsident nicht, denn es fehlt ihm das eigene Angebot für das geplante Tauschgeschäft. Amerikanische Energiesparmaßnahmen gegen deutsch-japanische Wirtschaftsspritzen hatte es heißen sollen. Doch wo die Europäer ihre Sparsamkeit längst dokumentiert haben, mit einer Drosselung der Ölimporte in den letzten vier Jahren um 18 Prozent, und wo sie sich obendrein auf weitere Einsparungen verpflichtet haben, steht der Präsident mit leeren Händen da. (Siehe Seite 15: Rudolf Herlt: Wenn Carter nichts bringt...) Sein Energieprogramm, vor vierzehn Monaten lautstark verkündet, ist inzwischen im Interessendschungel des Kongresses zuschanden geworden.

Kein Wunder denn, daß Carter mit einem ganz neuen Sprechzettel nach Bonn kommt. Statt einer Einschränkung der Öleinfuhren soll nun das Stichwort "Gatt" die Amerikaner entlasten. Sie wollen Europa in der Endphase der Verhandlungen über den weltweiten Abbau der Handelsschranken unter Druck setzen: Entweder erlaubt die Gemeinschaft einen verstärkten Import amerikanischer Agrarerzeugnisse, so heißt jetzt Washingtons Verhandlungskonzept, oder es gibt kein Gatt-Abkommen. Daß ihr Land ohnehin schon mehr in die Alte Welt exportiert, als es von dort bezieht, beeindruckt die Amerikaner dabei nicht. Für den Bonner Gipfel zeichnet sich folgendes Drehbuch mit dem Titel do ut des ab: Die Briten drohen mit dem Knüppel des Protektionismus, falls die Deutschen und Japaner ihre Wirtschaft nicht beleben; Bonn und Tokio wollen jedoch nur dann die Wirtschafts-Tokio drehen, wenn die Amerikaner ihren Ölimport drehen, und damit den Dollar stabilisieren; Washington wiederum wird behaupten, energiepolitische Sparmaßnahmen fanden beim Kongreß; so lange keine Gnade und protektionistische Anwandlungen so lange Verständnis, wie die Europäer ihren Agrarmarkt abschotten.

Was bei dem Kuhhandel der großen Sieben am Ende herausspringt, ist diesmal offen bis zum letzten Augenblick. Die Bürokratien haben versucht, ein Paket zu schnüren, aber nur die Prinzipale können darüber entscheiden. Zum erstenmal werden sie auf einem Wirtschaftsgipfel selber verhandeln müssen, anstatt sich mit der Ratifizierung dessen zu begnügen, was ihre Beamten vorbereitet haben.