Ausstellungsnummer 153, eine Bleistiftzeichnung Ruthenbecks von 1976: ein Raum, eine Gardine, bodenlang, in der Mitte von einer Stange durchzogen – eine von zweihundert ausgestellten Zeichnungen und eine der Arbeiten, die irritierend einbrechen in die Welt des Alltäglichen, vertraute Seh- und Lebensgewohnheiten stören, sich auflehnen gegen enge Denk- und Wahrnehmungsmuster und sogenannte Realitäten nicht einfach hinnehmen. Ruthenbecks grenzüberschreitende Zeichnungen überwinden Bestehendes (wie etwa die Gesetze der Schwerkraft), öffnen sich und den Blick des Betrachters für mögliche Veränderungen der Wirklichkeit.

In einer nicht nur die Kunstszene bestimmenden Umbruchsituation, Ende der sechziger Jahre, trat Reiner Ruthenbeck mit seinen ersten überzeugenden Plastiken an die Öffentlichkeit. Eisen-, Draht- und rot lackierte Holzobjekte, "Aschenhaufen", "Möbel" und Stoffobjekte sicherten dem 1937 im rheinischen Velbert geborenen und zunächst als Photographen tätigen Ruthenbeck sehr schnell einen wichtigen Platz innerhalb der internationalen Avantgardeszene. Das seiner bemerkenswerten plastischen Arbeit zugrunde liegende zeichnerische Ideenmaterial stellt das Museum Haus Lange jetzt zum erstenmal geschlossen vor und ermöglicht mit der umfassenden Zusammenstellung der in den letzten fünfzehn Jahren kontinuierlich entstandenen und bisher nur vereinzelt in Ausstellungen präsentierten Handzeichnungen neue und differenzierte Einblicke in die konsequente Entwicklung von Ruthenbecks vielschichtigem Werk.

Schon bevor Ruthenbeck 1962 an die Düsseldorfer Kunstakademie ging, um bei Joseph Beuys Bildhauerei zu studieren, entstanden die ersten Zeichnungen. "Es waren organische, automatische Zeichnungen, die sehr plastisch waren. Und ich bin zur Akademie gegangen, um die zu bauen." Einige der frühen Akademiezeichnungen sind nun auch in Krefeld zu sehen: Blätter, in denen sich erste Spuren von Ruthenbecks kompromißloser Suche nach einer neuen "energetischen" Kunst finden lassen – Arbeiten, in denen Körper- und Umwelterfahrungen einbezogen und die von ruhenden Körpern ausgehenden Kräfte/Energien sichtbar werden, und die immer wieder auch Anreiz sind, zu erfahren: Räume und Dinge, die Stille und sich selbst.

Er sei, sagte Ruthenbeck einmal in einem Interview, "interessiert an der Stille, die von Gegenständen ausgeht. Ich sehe diese Stille, als eine Form von Energie, die diese Gegenstände ausstrahlen." Seine Zeichnungen zeugen von solcher Energie, und sehr deutlich ablesbar ist ihnen die Kraft, die von den Objekten ausgeht, die Energie, die sie umhüllt und in den Raum ragt, Grenzen aufhebt – zum Beispiel die zwischen dem Innen und Außen. Gerade das zeichnerische Material Ruthenbecks verweist auf die Wechselwirkung, stellt Beziehungen her und schafft Verbindungen von scheinbar Gegensätzlichem: Innen/Außen, weich/hart, aktiv/passiv, Stille/Kraft.

Eine schwarze Platte mit Sehschlitz ist an eine Wand gelehnt, verstellt den Blick auf die Wand und ermöglicht eine neue Erfahrung des Raumes; eine Tür, von roten Stoffbändern überzogen, verschlossen und zugleich dem Bewußtsein geöffnet; Gebrauchsgegenstände, dem alltäglichen Gebrauch entzogen, verhüllt, lassen hinter die nicht mehr wahrgenommenen Hüllen sehen – Plastiken von Reiner Ruthenbeck, die er (wie die Ausstellung zeigt) zeichnend durchdachte, vorbereitete. Doch neben solchen auf die konkrete plastische Arbeit bezogenen Blättern entstand den immer wieder auch freie Zeichnungen, Denkmodelle, Untersuchungen, die jetzt im Haus Länge zu sehen sind, darunter auch einige neue Blätter, in denen die Formen offener werden, durchlässiger, oft frei im Raum schweben – befreit von den Begrenzungen und Hüllen, die nicht nur die Dinge verhüllen, begrenzen. (Museum Haus Lange bis 30. Juli, Katalog 12 Mark.)

Raimund Hoghe