Frankreichs 14. Juli im Elsaß erlebt

Von Rolf Schneider

Der französische Polizist ist jung, schlank, dunkelhaarig, dunkeläugig, er hat ein bleiches Gesicht mit kleinem schwarzen Bärtchen auf der Oberlippe, er hat schmale nervöse Hände, mit deren einer, der rechten, er mich weiterwinkt. Durch Gestikulation mache ich ihn auf mein besonderes Automobilkennzeichen aufmerksam. Ich wedle mit meinem Reisepaß, der die an dieser Grenze zweifellos unübliche Farbe Dunkelblau trägt. Der junge Polizist sieht es. Er sieht mich danach an. Er mag meinen Paß nicht in die Hand nehmen. Vielleicht verabscheut er die Gebärden des Blätterns, des Prüfens und des Stempelns grundsätzlich: Ich weiß es nicht, er sagt es mir nicht, er winkt weiter mit seiner rechten Hand, die schmal und nervös ist; so bleibt mir nichts anderes, als an- und davonzufahren.

Ich werde es niemals wissen, ob man nur aus Anlaß dieses besonderen Tages mit mir so nachlässig verfährt. In Gegenden, welche mir vertrauter sind als diese, würde man wohl gerade an besonderen Tagen auch besonders eifrig, und schneidig sein wollen. Frankreichs Polizisten wird ein extrem hoher Grad an Pflichttreue nachgeredet manche. Leute sprechen unverblümt von Frankreich als einem Polizeistaat. Mir fällt eine alte Geschichte ein; sie handelt von dem deutschen Schriftsteller Heinrich Mann; der war Emigrant in Frankreich während des letzten Krieges und wurde nach der deutschen Okkupation von einem amerikanischen Fluchthilfeunternehmen aus Südfrankreich über die Pyrenäen nach Spanien geschmuggelt. Übrigens zusammen mit seinem Neffen Golo und dem Ehepaar Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel. Auf Grund von Unkenntnis gerieten die Flüchtigen nach mehrtägigem Umherirren und mehrstündiger Wanderung schließlich vor die Hütte eines französischen Grenzpolizisten, der, hätte er die Anweisungen seines Kollaborations-Ministerpräsidenten Pierre Laval befolgt, die vier Menschen hätte festnehmen müssen – als einen besonders kapitalen Fang. Was tat dieser Polizist? Er winkte den Flüchtigen weiter, Heinrich Mann schreibt rückblickend, und man meint sein Aufatmen noch angesichts der bloßen Erinnerung zu vernehmen, von der „französischen Güte, die einfach Wegblicken kann“.

Derlei geht mir durch den Kopf, während ich meinen Wagen von der Rheinbrücke fortsteuere. Der Tag heute heißt Quatorze Juillet, 14. Juli, Frankreichs Nationalfeiertag. Er markiert den Beginn, der langen französischen Ferienzeit und die Erinnerung an den Sturm auf die Bastille, darin sich zu diesem Zeitpunkt bloß noch ein Vierteldutzend Gefangene befanden, allesamt kleine Kriminelle. Gleichwohl begann mit jenem Ansturm etwas, das auch die Geburtsumstände jener französischen Güte bezeichnet, und, zufolge Heinrich Mann, nichts anderes ist als ein Synonym für Brüderlichkeit.

Ich fahre. Garten- und Bretterzäune gleiten an mir vorbei. Der Tag ist sehr heiß. Es hat seit Wochen nicht geregnet. Wände und Blätter und Leute erscheinen wie eingepudert vom weißen Staub des Oberrheins. Der Wind treibt allerlei kleinen Unrat vor sich her, nicht sehr auffällig und nicht zu übersehen. Erst vor einer Viertelstunde habe ich mich aus Kehl entfernt, wo alles blank, fleißig, wohlhabend und badisch sauber zuging. Ich sage, ich habe mich erst vor einer Viertelstunde davon entfernt, aber ich habe zugleich eine Welt radikal vertauscht mit einer anderen. Ich erblicke die weißen Hinweisschilder mit blauen Aufschriften und den Worten Centre Ville. Toutes directions. Ich kenne solche Schilder. Ich erinnere mich ihrer aus anderen Gegenden und anderen Städten dieses Landes. Ich liebe sie.

Man kann Straßburg schreiben oder Strasbourg. Der Name ist freilich nichtromanischen Ursprungs; der Michelin übersetzt ihn mit la Ville des Routes; und selbst das ist nicht völlig exakt, da ville Stadt bedeutet und nicht Burg. Der Name sei also deutsch, könnte man sagen (viele sagen es), und demzufolge sei die Stadt selber auch deutsch, wie die Landschaft, die von ihr beherrscht werde.