Von Horst Rüdiger

Er fühlte sich verfolgt und verhext. Als ihn die lokale Inquisition freigesprochen hatte, klagte er sich selbst in Rom an. Das Unglück begleitete ihn, wenn er Italien durchirrte. Nach seiner ersten Rückkehr nach Ferrara beleidigte er seinen Dienstherrn öffentlich. Da legte man ihn in Ketten und sperrte ihn sieben Jahre lang ins Irrenhaus.

Während dieser Zeit erschien Tassos Hauptwerk, „Die Befreiung Jerusalems“, ohne seine Einwilligung: ein Glücksfall für die Weltliteratur, denn in dieser Gestalt hätte er sein Kreuzfahrer-Epos später nicht veröffentlicht. Ein Zelot redete ihm ein, es sei zu frivol, und so schrieb er eine purgierte Neufassung, „Die Eroberung Jerusalems“, die nun auch Mönche und Nonnen lesen konnten. Wer wissen will, wie der geistige Terror der Inquisition die Anlagen zum Verfolgungswahn bei einem Autor von höchstem Rang förderte, braucht nur die beiden Fassungen zu vergleichen. Im Eifer sollte er freilich nicht übersehen, daß die Bearbeitung sprachliche Qualitäten aufweist, die der Urfassung fehlen.

In Deutschland ist Tasso als Persönlichkeit in der Regel nur durch die Legende bekannt, die Goethe seinem Schauspiel zugrundelegte; hier spiegelt sie sich als verhülltes Charlotte-von-Stein-Syndrom in sublimierter Gestalt. Unbekannt ist bei uns hingegen Tassos Werk. Dabei standen in den letzten Jahren einige Übersetzungen zur Verfügung: 1962 erschien das Hirtenspiel „Aminta“ (mit der libertinistischen Maxime: „Erlaubt ist, was gefällt“) in der Übersetzung Otto von Taubes, ein Jahr darauf die großartige Verdeutschung der „Befreiung“ von Johann Diederich Gries in einer modernen Bearbeitung, 1972 ein Neudruck der ersten Verdeutschung des Epos von Diederich von dem Werder (1626) und im gleichen Jahr eine solche des Dialogs „Il padre di famiglia“, dem der Übersetzer den Titel „Die Einkehr“ gab.

Der Übersetzer war kein Romanist, sondern Emil Staiger. Nun läßt er den wesentlichen Teil des Gesamtwerks folgen –

Torquato Tassos „Werke und Briefe“, aus dem Italienischen und eingeleitet von Emil Staiger; Winkler Verlag, München, 1978; 856 Seiten; 49,80 DM.

Der schöne Dünndruckband enthält eine Einleitung, den „Aminta“, dessen Titel Staiger merkwürdigerweise zu „Amyntas“ gräzisiert, eine Auswahl der Lyrik, „Die Befreiung Jerusalems“, Proben aus dem religiösen Epos „Die Schöpfung“, den „Padre di famiglia“, der jetzt genauer „Der Gutsherr“ heißt, die historisch wichtigen Teile der Abhandlung über das Heldenepos, fast zwei Dutzend interessanter, doch das Rätsel Tasso eher verhüllender Briefe und einen nützlichen Anhang.